Sex, Musik und Licht im Dunkeln
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Neu: E-Books und tazblog!
http://hans-pfitzinger.de/
 
HANSblog

Das tazblog ist abgeschlossen.

taz für taz, von April 2008 bis Juni 2009 - it's all over now!
Das gesamte tazblog ab April 2008 können Sie nachlesen, wenn Sie hier auf "Blog - Archiv" klicken.

tazblog heißt jetzt HANSblog

Sie finden die Einträge der letzten vier bis sechs Wochen hier auf dieser Seite.
Weshalb sich mein Leben drastisch verändert hat, steht auf "Blog - Archiv" im Eintrag vom 2. Juli 2009.









 Hans Pfitzingers neues Weblogbuch: HANSblog

Foto: Volker Derlath (Januar 2010)                                                                            



"Als könnten Gesellschaften dümmer werden, als könnten sie
von einer Generation zur nächsten komplett vergessen,
was sie bereits einmal gewusst haben.
"
- Ulrich Peltzer, Autor von "Teil der Lösung"

"You got to speak out against the madness."
-
David Crosby




"Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr denn je nötig, den Blick aus den Tagesaffären emporzuheben und ihn von der Tageszeitung weg auf jene ewige Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, deren Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist."
- Christian Morgenstern (1871 - 1914)







Dieser Blog ist beendet.
Es wird keine neuen Einträge mehr geben.





22. April 2010

Urnenbeisetzung

Liebe Freunde von Hans Pfitzinger,

die Urnenbeisetzung für Hans findet am
Mittwoch, den 05.05.2010,
um 9.30 Uhr
im Ostfriedhof in München statt.

St. Martinsplatz 1
Haltestelle S3 und S7
Tram 27

Treffpunkt ist die Aussegnungshalle
(nicht die Aussegnungshalle Krematorium
wo die Trauerfeier stattfand).

Wir werden in einem stillen Gang die Urne zu seinem Grab tragen.






24. Februar 2010

Trauerfeier

Liebe Freunde von Hans Pfitzinger,

die Trauerfeier für Hans findet am
Donnerstag, den 25.02.2010,
um 15.15 Uhr
in der Aussegnungshalle
im Ostfriedhof in München statt.

St. Martinsplatz 1
Haltestelle S3 und S7
Tram 27

Ab 16.00 Uhr sind im Tassilogarten,
Auerfeldstraße 18, Tische für uns reserviert.

Der Tassilogarten war das Stammlokal von Hans,
in der Zeit, in der er am Wolfgangsplatz gewohnt hat.
ich denke, es würde ihn freuen, wenn wir dort
gemeinsam die Feier ausklingen lassen.

Axel Ganguin






22. Februar 2010

Abschied

Hans ist heute Mittag von uns gegangen.
Er war sehr schwach zum Schluss, aber furchtlos und neugierig
auf das, was kommen mag.

Er hat es als große Gnade empfunden,
bis zuletzt keine Schmerzmittel zu benötigen,
und verschied friedlich, mit vollem Bewusstsein.

Er wollte wissen.




"Wer vor dem Sterben zu sterben gelernt hat,
wer sich mit dem Tode angefreundet hat, hört auf, Knecht zu sein.
Er ist aller fremden Macht und Gewalt überlegen.
Wer lebt, nachdem er sein Dasein zu höchstmöglicher Vollendung geführt hat,
ist erhaben über die Wandlungen des Schicksals.
Er ist frei."
(Seneca)






8. Februar 2010

Nachruf zu Lebzeiten

"Und wenn für Pfitzinger, Hans - geboren 1945, gestorben 2010 - in der Eingangshalle des Hospizes
die Kerze neben dem Totenbuch angezündet wird, schickt ein Vertrauter allen Freunden, Verwandten,
Lieben und Lesern Hans Pfitzingers allerletzte Mail zu. Sie haben Post.
"

http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/der-lauteste-leser/





4. Februar 2010

Fünf

Gastbeiträge von Herrn Luther, Herrn Hölderlin, Frau Lagerlöf, Herrn Kant und Herrn Morus.
"Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt.
Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag.
Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht."
(Martin Luther)

"Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen.
Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiss am Ende sagen: Ich habe gelebt."
(Friedrich Hölderlin)

"Man sollte nicht ängstlich fragen: Was wird und kann noch kommen?
Sondern sagen: Ich bin gespannt, was Gott jetzt noch mit mir vorhat."
(Selma Lagerlöf)

"Alle Bücher, die ich gelesen, haben mir den Trost nicht gegeben, den mir dies Wort der Bibel gab:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!"*
(Immanuel Kant, *23. Psalm)

"Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
Herr, schenke mir Sinn für Humor, gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen,
damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile."
(Thomas Morus)


p.s.

Am Samstag, den 6. 2. 2010
, erscheint ein Beitrag über mich in der Samstaz,
der Wochenendbeilage der taz – die tageszeitung. Nicht verpassen!
Schöne Tage, liebe Leser.





30. Januar 2010

Rauschstop

Im April 2008 hätte ich mein 40-jähriges Kifferjubiläum feiern können, in der Art wie 1968 die Haschischwelle über Schwabing hinwegspülte; einen dicken Dreiblattjoint und Gelächter ohne Ende. Am Schluss saßen wir, Ben, Mille, ich, auf dem Fußboden im Einzimmerapartment in der Schleißheimerstraße 224, erschöpft und glücklich.
Es gäbe viel zu erzählen – Osterurlaub in Tossa de Mar, sinnliche Genüsse, stoned im Sand. Später Andalusien, Almunecar 1971 (siehe Romanmanuskript "Die Tao-Agenten", unveröffentlicht), dann Westküste, Kalifornien, wo sie gerade begonnen hatten, Sinsemilla ("ohne Samen") zu züchten, das mächtigste Marihuana in der Geschichte der Menschheit.
Kurz: Am 30. Januar 2008 habe ich mit Rauchen und Kiffen aufgehört, nachdem ich wegen einer Erkältung zehn Tage keine Lust auf Van Nelle-Drehtabak hatte. Keine Entzugserscheinungen, kein Rückfall. Ob ich damals schon anfing, den Speiseröhrenkrebs zu entwickeln?
Keine Ahnung. Im Juli 2009 jedenfalls war er jenseits aller Heilungschancen.
So it goes.





28. Januar 2010

Guten Mut

Gelegentlich höre ich von Freunden und Bekannten: "Ich finde es bewundernswert,
wie du mit deiner Krankheit umgehst." Und ich denk' mir: Wie denn sonst?
Dazu hab ich was passendes in einem evangelischen Gesangbuch gefunden (aah, meine theologischen Studien): "Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes."
(Prediger 3, 1-14)

Schöne Tage, lieber Leser!

Kommentar




26. Januar 2010

Bäuchlein

Eine Weile habe ich ja gehofft, die Bauchrundung samt angespannter -decke sei auf meine ständige und übermäßige Futterei zurückzuführen. Die wunderbare Dr. L. hat mich letzte Woche eines Besseren belehrt: "Wenn's vom Essen käme, wäre der Bauchansatz tiefer. Nein, ihre Rundung kommt daher, dass die Leber in die Mitte drückt, und der Tumor in der Speiseröhre nach unten."
Dann erklärt sie mir den Unterschied zwischen "kurativer" und "palliativer" Medizin.
Bei ersterer werden noch Behandlungen versucht, bei der palliativen, lässt man, laut Dr. L., "der Natur ihren Lauf": Keine Blutentnahme, keine Blutdruckmessung, keine Ultraschalluntersuchung. Oder, in den Worten von Dr. L.: "Wenn die Lebensenergie aufgebraucht ist, stirbt der Mensch. Das gilt für jeden, nicht nur für Sie."

Nazim Hikmet

Am 20.1. hab ich glatt den 108. Geburtstag von Nazim Hikmet verpasst.
Siehe auch die Startseite dieser Homepage:
Leben!
Einzeln und frei wie ein Baum
und brüderlich wie ein Wald –
das ist unsere Sehnsucht.





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Bleib nicht stumm

"Und noch ein Liedermacher, der unbedingt erwähnt werden soll: Hans Pfitzinger,
vielen deutlich besser als Musikjournalist (The Doors – Tanz im Feuer), Autor von Novellen (Delfina Paradise) und Reise-Poet (Stille Winkel in München) bekannt, veröffentlichte kürzlich sein Album "Bleib nicht stumm", auf dem auch er seinen Gesang in allerbester Liedermachertradition lediglich mit der akustischen Gitarre begleitet."

Aus in München, von Gerald Huber






Sie können die CD "Bleib nicht stumm"
(Spielzeit: 45 Minuten) bestellen.
Sie kommt mit einem vierseitigen Booklet, das Axel Ganguin unter Verwendung seiner Fotografien gestaltet hat. Schicken Sie zehn Euro an:

Axel Ganguin
Ludwigstraße 4a
85622 Feldkirchen


---------------------------Ende der Werbeunterbrechung--------------------------



16. Januar 2010

Lizenz zum Sterben

Neulich saß ich da, bei Kaffee mit Aprikosen-Streuselkuchen und genoss
die wunderbare Versorgung.
Zuspruch und Abfragen meiner Wünsche auf Klingelzeichen.
Und ich kam mir vor, wie in einem 3-Sterne-Hotel mit Lizenz zum Sterben.






Neues von "Delfina Paradise", oder: Vito I love you!

Die "Liebe in München" bekommt eine zweite Chance. Aber lesen Sie selbst, was mir die Leute von "Books on Demand" geschrieben haben:

"Sehr geehrter Herr Pfitzinger,

wie Sie vielleicht wissen, haben wir vor ein paar Jahren die Edition BoD ins Leben gerufen, um herausragenden Büchern unseres Programms ihren angemessenen Rahmen zu geben. Seit 2006 fungiert zudem mit Vito von Eichborn einer der innovativsten „Buchmenschen“ Deutschlands als Herausgeber unserer Edition.

Gern würden wir nun Ihren Titel „Delfina Paradise“ in einer Neuausgabe in der Edition herausbringen. Cover, Format und Typo müssten nur an die Reihengestaltung angepasst werden. Ansonsten würden wir noch einmal ein Korrektorat in Auftrag geben. Herr von Eichborn ist von Ihrem Buch schlicht begeistert.

Anschließend erschiene Ihr Werk als neuer Editionstitel nicht nur im BoD-Newsletter und der BoD Aktuell, für die wir ein Interview mit Ihnen machen würden, sondern würde selbstverständlich auch bereits in Leipzig auf der Buchmesse einen besonderen Platz auf unserem Stand erhalten."


Schön, so späte Anerkennung . . .

Kommentar



6. Januar 2010

Keiner kommt hier lebend raus

Ein Kreis schließt sich: Die Überschrift habe ich Anfang Juli benutzt, damals als Zitat
und theoretische Überlegung. Daraus ist Praxis geworden.
Ich bin im Hospiz, und hier kommt höchst selten einer lebend raus.
Der Blick durchs Zimmerfenster fällt auf einen Kirchturm mit großer Uhr, und ein schönes Barock-Wohnhaus (Neo-). Der Flur draußen öffnet sich am Südende in einen kleinen Wintergarten mit Korbsesseln und Polsterliege. Da steht ein mannshoher Vogelkäfig, in dem die Wellensittiche Cora I. und Otto I. ihre Tage zubringen.
Unten im Erdgeschoss gibt es einen Bibliotheksraum mit einer guten Auswahl.
Gestern habe ich mir "Effi Briest" von Theodor Fontane ausgeliehen.


Popel

Woran es liegt, weiß ich nicht. Aber vielleicht hat die trockene Heizungsluft damit zu tun: Lustvoll bohre ich mehrmals täglich in der Nase und hole mit dem Kleenextuch die größten und dicksten Popel ans Licht des Wintertages. Grad schee is es!



Lektüre

Yann Martell "Life of Pi" – das liebevollste Buch seit langem
(Auf Deutsch hieß es "Rettungsboot mit Tiger").
Endlich "Little Drummergirl" von John Le Carre zu Ende gelesen.
Nervt, weil es viel zu lang ist, bei aller Genialität.
"Eine blaßblaue Frauenschrift" von Franz Werfel.
Bildungsbürgerliches Täterä, aber sehr schön.
Ciao, bis bald.
Hans





31. Dezember 2009

Ein gutes und gesegnetes Neues Jahr

Allen, die immer noch das Hans-Webblogbuch verfolgen, wünsche ich
das Beste für 2010.
Ich bin fröhlich und guter Dinge und werde am 4. Januar in das St. Johannes-Hospiz umziehen.
Bleiben Sie dran. Hier erfahren Sie, wie es weitergeht.
Hans



19. Dezember 2009

Lieber Blümler,

gerne würde ich wissen, was dich so sprachlos gemacht hat.
So lange du noch nicht fingerlos bist, kannst du mir vielleicht tippen,
was dir die Sprache verschlagen hat.
Sei ganz herzlich gegrüßt – ich wünsche dir das Beste.
Hans





14. Dezember 2009

Liebe Ursel,

du hast mich gestern beinahe zu Tränen gerührt, mit deinem Gruß.
Die Schwester, die die Blumen gerade in die Vase steckte, hat das gemerkt
und meinte "weinen Sie ruhig, es wird Ihnen gut tun."
Liebe Ursel, du bist ein ganz liebenswerter Mensch. Ich wünsch' dir das Beste
und halte doch bitte Kontakt über meine E-Mail-Adresse.
Herzliche Grüße!
Hans






Lesen und Dösen

Gottseidank gibt's Bücher. Zur Zeit wechsle ich ab, zwischen dem zweiten Band
von Stieg Larsson (Verdammnis) und einem ähnlich gut geschriebenen Roman
von John Le Carre (The Little Drummergirl, 1983).
Ausserdem hat mir Frater Michael ein kleines Bändchen empfohlen
"Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers."
Ein wunderbares Bändchen.
Bald werde ich nun ins Hospiz bei den Barmherzigen Brüdern umziehen.
Alles Gute euch da draussen.







8. Dezember 2009

Was heißt Palliativ?

Palliare (lat.) bedeutet wörtlich: den Mantel um jemanden legen,
im übertragenen Sinn: lindern.
Bei der Palliativ-Medizin und Palliativ-Pflege besteht nicht mehr der Anspruch,
die Krankheit zu heilen, sondern ihre Symptome erträglich zu machen.

Diktiert von Hans



7. Dezember 2009

Hans lebt!

Der Hansblog wird zur Zeit nicht weitergeführt, da Hans leider nicht die Energie hat,
hier etwas einzutragen.
Er hat sich am 24. November in das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder,
in München Nymphenburg einliefern lassen.
Hier fühlt er sich wohl und es wird ausgesprochen liebevoll für ihn gesorgt.
Hans freut sich jeden Morgen, wenn er aufwacht, und er empfindet es als große Gnade, seit seiner Diagnose, keine Schmerzmittel zu benötigen.
Er empfindet innerlich eine große Heiterkeit und beobachtet gleichzeitig, wie sein Körper immer schwächer wird.
Ich bin sehr stolz auf ihn, weil er mit Demut und Würde sein Schicksal erträgt,
ohne zu jammern, oder sich zu beschweren.
Sobald es etwas Neues gibt, werde ich hier berichten.

Axel Ganguin




23. November 2009

Schlechte Nachrichten, und ein paar gute

Die schlechten Nachrichten - der Kern in der Speiseröhre hat der dritten Chemotherapie den Mittelfinger gezeigt: Er ist weiter gewachsen, und auch in der Lunge und Leber zeigen sich wieder Tumore. Was tun, fragten sich die Chemotherapie-Ärzte? In ihrer Ratlosigkeit beschlossen sie: Eine andere Chemotherapie. Statt Cisplatin und 5-FU "eine Monotherapie mit Paclitaxel". Keine Ahnung was das ist, aber das 5-FU war das Zeug in der Pumpe, die ich immer fünfeinhalb Tage um den Hals tragen musste. Diesmal nicht, und das ist ein Fitzelchen gute Nachricht. Und noch eine: Die Chemotherapie mit Paclitaxel dauert vier Stunden, und beim nächsten Mal muss ich auch nicht stationär aufgenommen werden, das geht dann ambulant.



Fontäne am Friedensengel Foto: Hans Pfitzinger

Nach Hause

Mit den schlechten Nachrichten von der Chemotherapie-Front und der Aussicht, vielleicht bald sterben zu müssen, kam mir diese Passage aus "Alles stimmt!" in den Sinn. Das stammt aus dem Jahr 2007.

Die Sonne schien dem Wugg aufs Gehirn und er blinzelte ins Blau, als ein geflügeltes Insekt in elegantem Bogen angeflogen kam und sich außen auf einem der Rahmen niederließ. Durch das Glas konnte er undeutlich sehen, dass es sich um einen gar nicht so winzigen grünen Käfer handelte. Der Wugg stand auf, beugte sich über den Balkonrand und nahm das Tierchen näher in Augenschein.
Es hatte sechs Beine und ein Paar Fühler vorn am Kopf, wie ein kleiner Maikäfer, nur mit grün schillernden Flügeldecken. Neongrün. Dieser Anblick, beschloss der Wugg, ist ein Foto wert.
Er trat ins Zimmer und an den Wandschrank, wo die Kamera griffbereit lag, und stellte fest, dass kein Film eingelegt war. Oh Mist, hoffentlich bleibt der Käfer noch sitzen. Mit hastig fliegenden Fingern legte das Schreiberlein eine Filmrolle ein, transportierte sie bis zum ersten Bild und ging wieder auf den Balkon hinaus.
Der Käfer saß noch da, in derselben Position, mit dem Kopf Richtung Glas. Der Wugg stellte auf kürzeste Entfernung, beugte sich über den Balkon, um im Sucher die Schärfe zu überprüfen, kein Flimmern im kleinen Kreis in der Suchermitte, er drückte ab und richtete sich auf. Er transportierte den Film weiter. Wenn sich der Käfer nur umdrehen würde, ich hätte gern ein Bild von vorn, dachte das Schreiberlein bei sich. Und der Käfer tat ihm den Gefallen, die Inspektion der Glasscheibe war für ihn wohl beendet.
Der Wugg beugte sich ein zweites Mal über die Brüstung, ein bisschen mehr Abstand, Auslöser drücken ... und da spürte das Schreiberlein, dass es das Übergewicht bekam, zuckte zurück und stand plötzlich mit schwindligem Kopf aufrecht auf dem Balkonboden.
Es spürte, wie die wilde Hormonjagd durch seine Adern raste. Es hielt immer noch die Kamera auf Brusthöhe, und sah, dass seine Hand zu zittern begann. Der Käfer bewegte sich jetzt auf den Rand des Rahmens zu, spreizte die grünschillernden Flügeldecken und flog mit einer Abschiedsrunde in hohem Bogen davon.
Das Schreiberlein stand lange so da.
Dann floh es vom Balkon in die Sicherheit des Zimmers und setzte sich aufs Bett. Es hatte ein mächtiges Kribbeln in den Waden und im Kopf, und ihm wurde klar, dass es gerade eben weniger als eine Sekunde vom Tod entfernt war; dass es beinahe aus dem vierten Stock gefallen wäre, auf den Rasen im Hinterhof, und nur deshalb nicht gefallen war, weil ihn im allerletzten Moment etwas aufgehalten, vor dem Absturz bewahrt hatte. Jedenfalls war sein Verstand nicht willentlich beteiligt, wenn schon, dann als eine Art Körperintelligenz. Seine ganze Aufmerksamkeit hatte dem Entfernungsmesser in der Kamera gegolten. Instinkt, Überlebenstrieb, Schutzengel – etwas hat den Wugg gerettet, und er ist zutiefst dankbar dafür, weil er doch sehr an diesem Leben hängt und gern noch ein paar vergnügte Jahre weiterlernen und –schreiben würde. Und vielleicht wartete ja auch noch der Zauber einer neuen Liebe auf ihn. Oder der Engel aus der Neuberghauserstraße.
Es dauerte gut drei Wochen bis das Schreiberlein den Film vollgeknipst hatte, und als es im Drogeriemarkt, gespannt wie immer, den dicken Umschlag mit den Bildern öffnete, stellte sich heraus, dass die letzte Aufnahme im Leben des vergnügten Schreiberleins Sebastian Wugg aus Grüntal, wenn er denn beim Fotografieren des Käfers abgestürzt wäre, unterbelichtet war.

Variante 2

Er verliert das Gleichgewicht und stürzt vom Balkon. Während des kurzen Falls läuft nicht sein Leben vor ihm ab, sondern er fragt sich, ob das Bild scharf wird. Er fällt auf den Rasen hinter dem Haus. „Jetzt bin ich tot“, denkt das Schreiberlein als es so daliegt und sich mit dem gebrochenen Hals und den zerschmetterten Knochen nicht mehr rühren kann.
Da kommt der Hans Opa vorbei. Er hebt das Schreiberlein hoch, es ist wieder vier Jahre alt, und der Opa setzt es auf seine Schultern, ergreift die kleinen Wugg-Hände mit seinen großen, damit das Schreiberlein nicht nach hinten kippt. Dann ziehen sie los.
Es ist Nacht, und sie sind gar nicht in München. Sie gehen am Seeweiher entlang, an der Stadtmauer von Grüntal, und die Mondsichel und die Ziegeldächer der Mauern und Türme spiegeln sich in der unbewegt glatten Wasseroberfläche. Fledermäuse huschen im Zickzackflug vorüber, Frösche quaken, die Zweige der riesigen Trauerweiden hängen am Ufer bis ins Wasser hinein, es riecht nach Wasser, nach Fäulnis und kühler Nachtfrische.
Der Wugg ist ganz vergnügt und drückt dem Opa liebevoll die Hände. „Opa? Singst du mir das Lied vom Frosch?“
Der alte Mann lässt sich nicht lange bitten und hebt an:

Der Frosch sitzt in den Rohren
der dicke kleine Mann
er ist dazu geboren...

Und die Kinderstimme des Schreiberleins fällt ein und kräht die letzte Zeile laut mit:

Damit er quaken kann

Dann singen sie abwechselnd weiter:

Quakquakquakquakquakquakquakquak
Quakquakquakquakquakquakquakquak

Und Opa und Enkelkind lachen fröhlich in die Nacht.
„Opa,“ fragt der Wugg nach einer Weile, „wo gehen wir eigentlich hin?“
„Nach Hause,“ sagt der alte Mann, „immer nach Hause.“

Kommentar

16. 11. 2009

Der Traum

Eigentlich ist es kein "richtiger" Traum. Richtige Träume kommen aus dem Tiefschlaf. Der Traum, von dem ich rede, kommt aus dem Halbschlaf, aus dem Dösen. Ich laufe durch weißen  Nebel, der mir manchmal wie ein riesiges Federbett vorkommt, das bis zur Spitze der Zirkuskuppel reicht. Nie treffe ich einen Menschen, aber der Traum läuft immer gleich ab: Ich muss die Mitte des Zirkuszeltes finden, ich muss ein (latein-)amerikanisches Mädchen zum Lächeln bringen, und eine einfache Aufgabe erledigen, zum Beispiel eine Armvoll Holz in ein mexikanisches Dorf bringen. Keiner gibt mir Anweisungen, es geschieht alles von selbst, weil es gut und richtig ist. Dann bin ich wieder zurück im weißen Nebel oder dem Federbett unter der Mitte der Zirkuskuppel und werde ganz wach.

Die Tatsachen

Mittwoch geht's  ins Rechts der Isar, vierte Chemotherapie. Die längere Pause wegen der Strahlentherapie hat mir, glaube ich, gut getan. Mal sehen, wie's diesmal läuft, mit Cisplatin und den vielen Litern Kochsalzlösung. Bloß nicht wieder dicke Beine und Entzündungen im Mund.
Und jetzt muss ich in die Apptheke, die müssen Salztabletten immer extra bestellen. Und vielleicht haben sie auch die kleinen Watteplättchen, mit denen man die Haut desinfiziert vor der Injektion - muss mir jeden Tag Embolex spritzen, um der Thrombose zuvorzukommen. Iss schon seltsam, sich selbst Spritzen unter die Haut zu setzen. Sehr seltsam, aber täglich.

Kommentar

11. November 2009

Kurt Vonneguts Geburtstag

Und eine gute Nachricht: Es gibt ein neues Buch von dem großen Humanisten. Mein Freund und Ex-Kollege Tim Cole hat es mir mitgebracht, aus einer Buchhandlung in Boston. Weiß der Himmel, was Tim in Boston zu tun hatte, aber ich habe enorm profitiert von seiner Reise, denn Vonneguts bisher unveröffentlichte Kurzgeschichten sind nicht einfach Überschuss, den er nicht publizieren wollte. Sie sind so gut, wie alles was er geschrieben hat. Dazu gibt's noch zwölf Zeichnungen des Meisters. Titel des Buches und einer der Geschichten: Look at the Birdie.

Und all das Folgende stand vor einem Jahr im tazblog:

"Wer an Telekinese glaubt möge meine Hand heben."

Kurt Vonnegut, 1922 - 2007


Alles Gute zum Geburtstag, alter Halunke!

Heute beachtet man in Wugg-Kreisen*) Kurt Vonneguts Geburtstag, der zweite, den er nicht mehr selbst mitfeiern kann. Im Frühjahr 2007 hat er noch ein Interview gegeben und angekündigt, er würde die Zigarettenfirmen verklagen, weil sie falsche Informationen auf ihre Schachteln schreiben: Er hätte sein Leben lang geraucht, und tot wäre er immer noch nicht. Das war er dann ein paar Wochen später, am 11. April 2007. Er starb an Gehirnverletzungen, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte. Da war er 84. Verklagt hat er niemanden mehr.

Im Nachruf in der N.Y. Times am 12. April 2007 hieß es:
"Für Mr. Vonnegut war Freundlichkeit die einzig mögliche Erlösung von der Verrücktheit und der offensichtlichen Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Die Titelfigur seines Romans 'Gott segne Sie, Mr. Rosewater, oder: Perlen vor die Säue' (1965) fasste seine Philosophie so zusammen: "Hallo, Babys. Willkommen auf der Erde. Es ist heiß im Sommer und kalt im Winter. Die Erde ist rund und nass und stark bevölkert. Im Allgemeinen habt ihr hier so an die hundert Jahre. Es gibt nur eine Regel, die mir bekannt ist, Babys -  'verdammt noch mal, ihr müsst freundlich sein.'"

In seinem Roman "Breakfast of Champions" (deutsch: Frühstück für Helden) schrieb er:
"1492. Als Kindern wurde uns beigebracht, an dieses Jahr mit Stolz und Freude zu denken, weil es das Jahr war, in dem die Menschen begannen, ein erfülltes und phantasievolles Leben auf dem nordamerikanischen Kontinent zu führen. Tatsächlich haben Menschen
auf dem nordamerikanischen Kontinent schon jahrhundertelang ein erfülltes und phantasievolles Leben geführt. 1492 war einfach das Jahr, in dem Meerpiraten begannen, sie zu berauben, zu bestehlen und umzubringen.
Die Hauptwaffe der Meerpiraten war jedoch ihre Fähigkeit, in Erstaunen zu versetzen. Niemand sonst konnte, bevor es zu spät war, glauben, wie herzlos und habgierig sie waren."
Von Kurt Vonnegut stammt auch einer meiner Grundsätze: "Ich will so weit am Rand stehen wie möglich, ohne herunterzufallen. Außen am Rand sieht man alle möglichen Dinge, die man in der Mitte nicht sehen kann."

Sein Gedicht Requiem hört so auf:

When the last living thing
has died on account of us,

how poetical it would be

if Earth could say,

in a voice floating up

perhaps

from the floor

of the Grand Canyon,

«It is done.»

People did not like it here.


Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden
des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»
Den Menschen hat es hier nicht gefallen.


Auf deutsch sind im Buchhandel von Kurt Vonnegut erhältlich:
- Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug, Eur 6,95 (Die Geschichte von Billy Pilgrim, der, wie Vonnegut selbst, die Bombardierung Dresdens miterlebt hat, und auf dem Planeten Tralfamadore, von dem die Flliegenden Untertassen kommen, mit Montana Wildhack, der bekanntesten Pornodarstellerin der sechziger Jahre, in einem Gehege ausgestellt wird, um den Außerirdischen menschliche Paarungsriten vorzuführen.)

- Mann ohne Land: Erinnerungen eines Ertrinkenden von Kurt Vonnegut, übersetzt von Harry Rowohlt, Eur 8,00 (herzzerreißendes Vermächtnis eines großen Skeptikers)


- Gott segne Sie, Dr. Kevorkian, übersetzt von  Harry Rowohlt, Eur 10,00 (Essays eines melancholischen weisen Mannes)

Viele seiner Romane - darunter Timequake (auf deutsch: Zeitbeben), den letzten von 1998 - gibt es antiquarisch als Taschenbücher. Meine Favoriten: Galapagos, Die Sirenen des Titan, Katzenwiege, Schlachhof 5.

Kommentar

10. November 2009

Lieber Hans,

machmal ist man auch ohne Chemo so daneben, dass man vergisst den Aktualisierungsknopf zu druecken, wenn man Deinen Blog aus dem Bestand der Internetexplorer Leiste anklickt und staendig den 24. September auf  den Bildschirm des Laptops kriegt. Nun haben sich die Synapsen rechtzeitig geschlossen und ich konnte viel Neues lesen. Mit Freude habe ich erfahren, dass Du noch schreibst und also lebst. Besonders der Auszug aus dem Wugg hat mich betroffen, weil Du mir vom Tod Deiner Mutter berichtet hast. Aber eben nur berichtet. Die literarische Visualisierung geht dagegen unter die Haut. Ich verstehe jetzt besser wie sehr Dich Gisele's Tod getroffen hat. Wir wissen nicht, was noch alles vor uns liegt, aber je laenger wir leben, desto mehr wird uns klar, was wir nicht mehr erleben werden.
Na dann man tau! - bj

Ach Huck, du bringst mich immer an den Rand der Tränen.
Danke für deine Mail, und lass gelegentlich von dir hören. Heute und morgen ist nochmal Strahlentherapie, die vierte Chemotherapie beginnt nächsten Mittwoch. So hangle ich mich zwischen dösen und lesen durch die Tage.
Ich wünsch dir das Beste -
Hans

Kommentar

7. November 2009

Happy Birthday, Joni Mitchell!

I Love you.

Ah, Jürgen,

thanks for the Cooper paraphernalia. Ich habe gerade den fünften und letzten Band (The Prairie) hinter mir, und mein Urteil bleibt: James Fenimore Cooper ist ein Riese in der Literatur, nicht nur der amerikanischen. Weißt du, wer mich draufgebracht hat - Arno Schmidt. In seinen Büchern gibt's immer wieder Hinweise, wie gut Cooper schreibt. Und weil Schmidt die Übersetzungen miserabel fand, hat er selbst ein Buch von Cooper übersetzt (frag mich jetzt nicht, welches. Es war keines von den Leatherstocking Tales.)
Ansonsten danke für den Zuspruch - zur Zeit läuft Strahlentherapie, dauert  jeweils 20 Minuten, sechs Tage am Stück, bis auf Samstag und Sonntag (ich hab gerade zwei Tage frei!). Deshalb wurde auch die Chemotherapie (vierter Teil) auf übernächste Woche verschoben. Die Müdigkeit, Schlappheit, Erschöpfung nervt gewaltig, Wenn ich vom Sesselin in die Küche will, um was zu essen, kann es zwischen Entschluss und Ausführung 30 Minuten  dauern . Fatigue, gehört offenbar zur Chemotherapie  dazu.
Ansonsten: Wird schon werden.
Schöne Tage -
Hans



James Fenimore Cooper
Kommentar

2. November 2009

Zorro und Berkeley

Liebe Ulrike,

Na ja, Zorro und ich - das sehe ich nicht mehr. Aber ein kalifornischer Hippie (oder Yuppie) war ich seit meinem 23. Lebensjahr, als ich beschlossen hatte, in Berkeley zu studieren, dort, wo mit dem Free Speech Movement 1965 alles anfing.
Das Luftbild-Foto von meinem Haus habe ich von einem Immobilienhai geklaut. Die wollen neben dem Bundesfinanzhof einen neuen Wohn- und Bürokomplex hinstellen. Baubeginn: April 2009. Das fing damit an, dass sie einige Bäume zur Straße hin gefällt haben. Seither hat sich nix mehr getan, wahrscheinlich ist ihnen das Geld ausgegangen. Hauptgrund für das Foto: Die Bäume in meinem Innenhof. Ich hab extra ein kleines Podium für meinen Lese- und Dösesessel anfertigen lassen, um so hoch zu sitzen, damit ich über die Balkonbrüstung gucken kann. War schön, die letzten Wochen der Zitterpappel (Espe) zuzuschauen, wie die Blätter gelb wurden und abfielen. Jetzt ist sie leer, dafür strahlen die beiden Ahorbäume in gelben Leuchtfarben, und die Hainbuche ist immer noch grün.
Freitag war ich, zum zweiten Mal in drei Wochen, in der Notaufnahme im Klinikum Rechts der Isar. Nachdem ich vier Stunden zugeguckt habe, was  da alles kommt und geht, hat sich endlich ein Arzt erbarmt und mich mit Kalium- und Calciumtabletten wieder nach Hause geschickt. Da war's halb eins, und der Alptraum war vorüber. Ich sag dir, kein Mensch kann sich vorstellen, was da alles an Nebenwirkungen auf einen zukommt. Mittwoch geht die Strahlentherapie los, weil ich einen verseuchten Rückenwirbel habe.
Was deine Arbeit betrifft: Ja freilich machst du das nicht ewig, da tut sich bestimmt bald was Neues auf. Ich halt dir die Daumen.
Was die Rede von Eisenhower betrifft: Obama kann offensichtlich auch nichts gegen den militärisch-industriellen Komplex ausrichten. Die machen, was s i e wollen.
Schöne Tage, liebe Ulrike -
Hans

Alles stimmt!

Dies ist ein Kapitel aus "Alles stimmt!". Hätte ich uns gerne erspart, aber in meiner jetzigen Lage hat es eine seltsam aktuelle Bedeutung - auch wenn es schon 2007 geschrieben wurde. Mehr zu "Alles stimmt!" am Ende dieser Seite unter "Werbung".

Das 11. Kapitel
Wie der Wugg früh den Tod kennengelernt hat

In den letzten Wochen ihres Lebens überkam sie des Öfteren die blanke Verzweiflung. Ihre Haut war gelb geworden, sie wog nur noch fünfunddreißig Kilo, sie wusste, dass sie sterben musste. Die körperliche Veränderung brachte sie fast um den Verstand. Wuggs Mutter war todkrank. „Unterleibskrebs“ hieß das im damaligen Sprachgebrauch. Eines frühen Nachmittags stand sie im Nachthemd vor dem Badezimmer im ersten Stock und schrie. Sie hielt die Hände mit der gelben, verschrumpelten Haut vor die Augen und schrie. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, sie stammelte, weil sie vor Entsetzen nicht mehr reden konnte, und sie schrie. Das Schreiberlein und seine Schwester waren allein zu Hause, der ältere Bruder ging damals schon arbeiten, der Vater war im Geschäft. Die beiden Kinder waren am Küchentisch gesessen und hatten Hausaufgaben gemacht. Sie schlichen in die Diele, gingen die paar Stufen bis zum Treppenabsatz hinauf, wo sie nach oben schauen konnten. Die Mutter stand einfach da in ihrem Nachthemd und schrie.
Eine Woche zuvor war sie aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Ärzte hatten sie aufgegeben. Sie sollte zu Hause sterben dürfen. Jeden Tag kam der Hausarzt vorbei und gab ihr Spritzen. Die Kinder spürten, dass sie nie mehr gesund werden würde. Die Tante, Schwester des Vaters, versorgte sie. Vom bevorstehenden Sterben der Mutter sagte ihnen niemand etwas.
Die Schreikrämpfe hatte sie schon vorher gehabt, wenn sie sich in dem dreiteiligen Schlafzimmerspiegel gesehen hatte, aber da waren immer Erwachsene im Haus, die nach oben eilten und sie zu beruhigen versuchten. Jetzt waren die Kinder allein mit dem Elend und Entsetzen. Der kleine Wugg zitterte vor Angst, die Schwester begann zu schluchzen. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Die Mutter schrie weiter.
Das Schreiberlein ging zum Telefon, nahm den Hörer ab, ließ ihn zu Boden fallen, hob ihn auf, wählte die eins. Das war die Verbindung zum Geschäft, das Wohnhaus war die Nebenstelle. Nach dem dritten Klingeln war der Vater dran.
„Die Mutter schreit wieder“, sagte der Wugg. Der Vater konnte es hören. „Ich komm gleich nach Hause“, sagte er.
„Was sollen wir denn tun, sie hört nicht auf zu schreien?“
„Ich komm gleich nach Hause.“
Der  Wugg legte den Hörer auf. Er zitterte so stark, dass es ihm erst nach dem dritten Versuch gelang. Die Mutter schrie weiter. Inzwischen war sie auf Händen und Knien im Flur vor dem Badezimmer am Boden und schrie. Die Schwester hielt sich die Ohren zu und konnte nicht mit Schluchzen aufhören. Sie rannte zurück in die Küche und schlug die Tür zu.
Das Schreiberlein setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Es weinte nicht, aber es zitterte heftig. Die Wanduhr in der Diele zeigte zwanzig vor zwei. Wenn der Vater gleich mit dem Auto losfuhr, konnte er in fünf Minuten hier sein. Der Wugg sah dem Sekundenzeiger zu. Eine Minute war schon vergangen. Die Mutter schrie immer noch.
Der Wugg schaute zur Uhr hinüber. Die fünf Minuten waren längst vorbei, der Sekundenzeiger tickte weiter. Die Mutter schrie wie ein Tier. Er stand auf und ging noch einmal bis zum Treppenabsatz hinauf und lugte um die Ecke. Die Mutter kniete immer noch am Boden, die dünnen, gelben Arme auf faltige Hände gestützt. Sie war erst 37 Jahre alt, doch ihre Haut sah aus wie hundert. Sie sah den Wugg und starrte ihn mit riesigen Augen an, die tief in den Höhlen lagen. Das Haar fiel ihr ins Gesicht. Dann kippte sie zur Seite, die Kräfte hatten sie verlassen, sie hörte auf zu schreien, sie konnte nicht mehr. Laut schluchzend lag sie da, die Augen geschlossen, ihr dünner, ausgemergelter Körper unter dem Nachthemd, zuckte bei jedem Schluchzer.
Der Wugg traute sich nicht weiter die Treppe hinauf, ging wieder in die Diele. Eine Viertelstunde war seit dem Anruf im Geschäft vergangen, der Vater kam immer noch nicht. Die Stirn auf die Arme gelegt, hockte der Wugg sich wie zuvor auf die unterste Treppenstufe und wartete und lauschte. Gewöhnlich hörte er in der Stille der Vorstadt den Wagen des Vaters schon, wenn er in die Straße einbog. Es gab ja nicht viele Autos damals, und der Fiat-Motor war leicht von anderen zu unterscheiden.
Es dauerte weitere fünf Minuten, bis der Vater kam. Er war blass im Gesicht. Oben vor dem Badezimmer lag die Mutter immer noch zuckend und schluchzend auf dem Läufer im Flur.
„Warum bist du nicht gekommen?“ Der Wugg sah den Vater fragend an, bekam aber keine Antwort. Hastig schob sich der Mann an ihm vorbei und eilte nach oben. Er beugte sich über die schluchzende Frau, streichelte ihr Gesicht, schob den einen Arm unter ihre Achseln, den anderen unter die Kniekehlen. Mühelos hob er sie hoch, sie war ja so leicht, nur noch Haut und Knochen.
Der Wugg schlich die Treppe hinauf, wich der siebten Stufe aus, wie immer, weil sie verräterisch knarzte, und spähte oben um die Ecke. Der Vater war mit seiner Last am Ende des Flurs angelangt, drehte sich halb um, weil er die Türklinke mit dem Ellbogen runterdrücken musste, sah den Wugg kurz an, ging dann ins Schlafzimmer und knallte die Tür mit dem Fuß zu.
Der Wugg lief hinunter in die Küche, wo die Schwester mit rot verweinten Augen am Tisch saß. Ihr Schreibheft für die Hausaufgaben war nass von den Tränen. „Warum hat er denn so lange gebraucht?“, fragte sie den Wugg.
Der setzte sich zu ihr und starrte auf die kleinen Tannen vor dem Küchenfenster. Lange schwieg er. Dann bemerkte er, dass die Schwester ihn immer noch ansah. „Ich glaub, er hat genauso Angst gehabt wie wir.“
Die Mutter lebte noch eine Woche. Geschrieen hat sie nicht mehr bis zu ihrem Tod. Sie starb in der Nacht, und am Morgen kam die Tante ins Kinderzimmer und sagte es dem Wugg und der Schwester. Sie waren froh, dass es vorbei war. Geweint haben sie erst auf der Beerdigung, weil die Erwachsenen, die ihnen am offenen Grab Beileid wünschten, die Kinder voller Mitleid ansahen und bei ihrem Anblick in Tränen ausbrachen.

Kommentar


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