Ich bin nicht verrückt, ich bin nur an Freiheit interessiert. Jim Morrison
Die iWugg-IndieText-Seite:
Inhalt: (1) The Grateful Dead, Robert Hunter und Rainer Maria Rilke - oder: Die deutsch-kalifornische Kulturrevolution, entdeckt und weiter entwickelt von Hans Pfitzinger
(2) Fake, Fakt, Fiktion und andere Wirklichkeiten. Wie man als Schreiber mit der Realität umgeht, und warum das gefährlich, empörend und skandalös ist.
(3) Die Realitätstheorie - ein Versuch, ein Essay im wörtlichen Sinne, die Welt zu retten. Endlich tut's einer! Mit einer Vorbemerkung, in der das Laubacher Feuilleton vorgestellt wird.
(4) Elvira - Eine kurze Geschichte. Kurzgeschichte? Erzählung? Egal, wie immer bewegt sich "Elvira" nahe an der Wirklichkeit, auch wenn der Autor nie in seinem Leben einen alten Daimler besessen hat. Echt ist die Frau (Sternzeichen: Widder), die der Schreiber selten exklusiv hatte, echt ist das Café, echt wa(h)r Elvira, sogar der Name stimmt. Und es stimmt auch, dass die Story mal im Playboy stand. 1989. Interessant: Schon damals, 17 Jahre vor Al Gore, wusste die Menschheit vom Abschmelzen der Polkappen. Kommt gleich am Anfang der Geschichte!
(5) Roberto Benigni - eine römische Begegnung in den berühmten Filmstudios von Cinecittá. Wer den Regisseur und Schauspieler (Der kleine Teufel, Das Leben ist schön) nach diesem geschriebenen Porträt nicht ins Herz schließt hat keines.
(6) Jean Paul. Jean Paul. Jean Paul. Jean Paul. Jean Paul. Jean Paul Die meisten Leute, die ich kenne, können lesen. Die wenigsten von ihnen können Jean Paul lesen. Vor einiger Zeit habe ich bei einer literarischen Veranstaltung Klaus Podack getroffen. Der war mal Redakteur bei einer bekannten süddeutschen Tageszeitung, und hatte sich an jenem Abend, wahrscheinlich ebenso genervt von dem Stehempfangsgeplapper wie ich, auf die Gastgeberterrasse zurückgezogen. Dort umfing den Besucher eine laue Sommernacht, es roch nach Büschen, Sträuchern und taufeuchtem Rasen, und der Mond schob sich zur Hälfte erleuchtet durch die Zweige eines hundertjährigen Ahornbaums. Ich setzte mich zu Podack, kurze Zeit danach gesellte sich die Gastgeberin zu uns, und es entspann sich ein munteres Gespräch über Jean Paul, bei dem Podack und ich nicht müde wurden, uns gegenseitig an Hand von Beispielen zu versichern, dass Jean Paul zweifellos der größte Schriftsteller deutscher Sprache war - und ihn bis heute keiner übertroffen hat. Dabei stellte sich heraus, dass Herr Podack mit Rolf Vollmann befreundet ist, den ich ohne zögern als Jean Pauls Stellvertreter auf Erden bezeichnen möchte. Sie können das selbst nachprüfen anhand von Rolf Vollmanns Buch "Das Tolle neben dem Schönen. Jean Paul. Ein biographischer Essay".
(7) Glücksfall Marilyn. Der Mensch als Playboy. Die Geschichte des Hugh Hefner und der Anfang der deutschen Playboy-Ausgabe. Von einem, der mal dort Textredakteur war. Vergleichen Sie auch das diesbezügliche Kapitel in "Alles Wugg!" (das Inhaltsverzeichnis finden SIe unter "Blog + Leseproben").
(8) Die Besetzung. Am 11. Februar 1969 wurde zum ersten und einzigen Mal ein Universitätsinstitut von Studenten besetzt. Eine teilnehmende Beobachtung, aktualisiert und auf den letzten Stand gebracht zum 40. Jahrestag im Februar 2009.

(1)
Um zwei Uhr morgens
Wenn dir der Geist von Rilke über die Schulter schaut
Der kalifornische Dichter Robert Hunter über merkwürdige Vorkommnisse beim Übersetzen eines deutschen Dichters unter dem Einfluss von in der Mikrowelle erwärmten guten Kognaks
Sie nannten sich The Grateful Dead. Das kam von einem Spruch, den einer von ihnen in einem Buch über altägyptische Kultur gefunden hatte: In times of darkness the grateful dead are drawing the chariot of light - in Zeiten der Dunkelheit ziehen die dankbaren Toten den Wagen des Lichts. Die Musik, die sie spielten klang wie Rockmusik, wie Country, wie Jazz, wie Avantgarde, wie frei improvisierte Experimentalmusik - und das alles zusammen und in Konzerten, die selten weniger als drei Stunden dauerten. Sie spielten dreißig Jahre lang, 200 Konzerte im Jahr, in den größten Sportstadien und Konzertarenen der USA, vor zehntausenden von Menschen. 1994 standen sie auf Platz drei der Liste der reichsten Rockstars der USA im Wirtschaftsmagazin Forbes. Zwei Jahre später war die lange Reise zu Ende. Als 1996 der Lead-Gitarrist Jerry Garcia dem harten Leben nicht mehr gewachsen war und an überstrapaziertem Herzen starb, beschlossen die anderen, ohne ihn nicht als Grateful Dead weiterzuspielen. Inzwischen haben sie Garcia durch zwei Gitarristen ersetzt und nennen sich The Other Ones. Die Texte für die Grateful Dead-Songs schrieb zum großen Teil Robert Hunter, der mit Jerry Garcia seit High-School-Zeiten befreundet war, ein Texter und Dichter, der einige Lyrikbände veröffentlicht hat und vor einigen Jahren begann, Rainer Maria Rilke ins Amerikanische zu übertragen. Wie es dazu kam, und wie ihm der Geist von Rilke dabei behilflich war, hat er in einem Interview erläutert.
Interviewer: Es waren also die langen Zeilen, die Sie bei Rilke angezogen haben? Hunter: Ich habe Rilke einfach immer gemocht, und ich habe nie eine Übersetzung gesehen, die mir auch nur ein bisschen gefallen hätte. Eines Abends ging meine Frau aus, und ich fühlte mich von den "Duineser Elegien" angezogen, die ich von Zeit zu Zeit gelesen habe, und ich sagte mir: "Das stimmt nicht. Das stimmt nicht. Das fließt nicht richtig. Das ist zu übersetzerisch." Ich nahm einfach einen Bleistift und schaute mir das Deutsche an, und begann damit, es so klingen zu lassen, wie ich es wollte, ohne irgendeine Absicht zu haben, Rilke zu übersetzen. Ich habe noch ein bisschen mehr daran gearbeitet, bis ich, wie ich glaubte, eine ganz anständige Übersetzung der ersten Elegie hatte. Dann habe ich nur so zum Spaß einfach weitergemacht und noch ein bisschen mehr übersetzt, und ich würde sagen, ich hatte wahrscheinlich etwa die Hälfte der "Duineser Elegien" übersetzt, bevor mir klar wurde, dass ich eine Übersetzung der "Duineser Elegien" machte. Dann war ich heiß. Ich blieb bis drei Uhr morgens auf, trank guten Kognak, den ich in die Mikrowelle stellte, wenn er zu kalt wurde. Ich bin dagesessen, bis Rilke gekommen ist und mir über die Schulter geschaut und gesagt hat: "Nein, so geht es nicht. Es sollte eher so sein. Okay, jetzt hast du's", und sowas in der Art. - Sehen Sie, wie sich mir die Haare auf den Armen aufstellen?
(lachend) Tatsächlich! Das ist schon eine tolle Erfahrung, denn, wissen Sie, Rilke hat mich oft um zwei oder drei Uhr morgens in dieser Angelegenheit besucht. Ich war so weit weg, dass ich wirklich das Gefühl hatte: Wenn es so etwas wie Geister gibt, und wenn jemand an einer Übersetzung von Rilke arbeitet - es sorgfältig macht und bis spät in die Nacht arbeitet - wo würde er denn sonst sein?
Was ich an Rilke bewundere ist die Fähigkeit, eine gewaltige Abstraktion in einem Gedicht durchzuhalten, ohne dem Leser die Fähigkeit zu zerstören, sich den Schauplatz vorzustellen. Ich glaube, dass kann man erreichen, wenn man Personen einführt. Ich glaube, in der letzten Elegie geht er los und folgt der Muse durch den Jahrmarkt und dann weiter, folgt der Trauer und dem Kummer, der Klage. Das ist ein wunderbarer Trick. Statt abstrakt zu reden, schaffe eine Person, die das darstellt. Fülle sie bis zum Rand mit Archetypen und folge ihr nach und schau zu, was passiert. Personalisiere es.
Übersetzung: Hans Pfitzinger
(c) 28. Januar 2003
Foto (c) Hans Pfitzinger
So stellt sich das Schreiberlein seine Zielgruppe vor - Susanna im (Sonnen-)Bade
(2) Fake, Fakt, Fiktion und andere Wirklichkeiten
oder: Die «Wahrheit» des Geschriebenen
Es ist schon ein Kreuz mit der Phantasie. Hat ein Autor zu viel davon, kriegt er was auf die Mütze. Wenn er zu wenig hat, auch.
Von Hans Pfitzinger
«Die Wirklichkeiten auf dem Planeten beginnen, ihre Romantätigkeiten zu intensivieren. Die Möglichkeit fängt an zu spinnen.» Alexander Kluge
«Die Wirklichkeit ist eine Hilfskonstruktion für Leute, die Angst vor Drogen und Alkohol haben.» Robert Anton Wilson
Fake: Fälschung, Nachahmung, Imitation, Schwindel, Betrug. Der kleine Muret-Sanders
Rodney Rothman hatte einen feinen Artikel geschrieben, den er auch noch an eine renommierte Zeitschrift verkaufen konnte. Der Artikel hieß My Fake Job und erschien im New Yorker, dem Vorzeigeblatt des amerikanischen Bildungsbürgers. Mit My Fake Job meinte Rothman aber nicht den von ihm verfaßten Artikel, sondern den Job, den er darin beschreibt: Rothman arbeitete mehr als zwei Wochen in einer Internet-Firma. Doch das war noch nicht das Besondere, und es hätte für sich genommen wohl als Stoff für einen Artikel nicht viel hergegeben. Das Besondere war die Tatsache, daß Rothman zwar täglich an seinem Arbeitsplatz erschien, aber gar keinen Job in der Firma hatte. Er war «vor wenigen Wochen einfach ins Büro reingegangen».
Wie gesagt, ein fein geschriebener Artikel, irgendwo angesiedelt zwischen Herman Melvilles Novelle Bartleby und Günter Wallraffs Rollenreportagen als Türke Ali oder als falscher Bild-Redakteur. Der New Yorker druckte Rodney Rothmans My Fake Job im November 2000 unter der Rubrik Fact, ausdrücklich als Artikel, nicht als fiktive Kurzgeschichte, und erhielt darob viel Beachtung in Kollegenkreisen und bei den Yuppies aus der Hightech-Branche, die sonst eher nicht dafür bekannt waren, die Zeitschrift zu lesen. Rothman hatte mit 21 Jahren als Texter bei David Letterman angeheuert, Harald Schmidts Vorbild im US-Fernsehen. Mit 24 übernahm Rothman die Leitung von Lettermans Schreiber-Team, ein talentierter junger Mann, kein Zweifel. Als er mit dem Artikel imNew Yorker zum Stadtgespräch wurde, war er 26. Überall in der Hightech-Branche setzten Spekulationen ein, um welche Firma es sich wohl handeln könnte. Durch einige Hinweise — der Spruch auf dem T-Shirt eines Mitarbeiters, die Fotokopie der ersten zwei Seiten von Herman Melvilles Roman "Moby Dick", die jemand neben dem Aufzug angebracht hatte — fand sich auch ein Unternehmen genau genug dargestellt, um Rothman eine Klage wegen Hausfriedensbruch und der Zeitschrift New Yorker ein Verfahren wegen Beihilfe anzudrohen. Der Artikel sorgte dafür, daß die Sicherheitsvorkehrungen bei vielen Firmen überprüft und verbessert wurden.
Auch in einigen Internet-Chatrooms wurde über den Fall diskutiert. Als ein Teilnehmer dabei die Information einbrachte, daß Rothmans Mutter ebenfalls in dieser Firma arbeitet, kamen David Remnick, dem Chefredakteur des New Yorker, erstmals Bedenken: Was hatte ihm Rothman sonst noch verschwiegen? Oder war vielleicht die ganze Geschichte erfunden? Remnick rief Rothman an, der inzwischen nach Los Angeles umgezogen war und für Steven Spielbergs Produktionsfirma mit dem schönen Namen Dream Works an einer Sitcom fürs Fernsehen arbeitete. Zur Rede gestellt, gab Rothman zu, daß seine Mutter einmal in der von ihm beschriebenen Internet-Firma beschäftigt war. «Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?» fragte Remnick seinen Autor. Rothman bekannte, daß er an einigen Stellen Formulierungen gebraucht habe, die eine Identifizierung der Firma verhindern sollten. Und er habe sich nicht, wie im Artikel dargestellt, den Rücken massieren lassen, sondern im letzten Moment darauf verzichtet. Eine legitime Rücksichtnahme auf die beschriebene Firma und eine kleine Schwindelei also.
Vielleicht war es ja die Liebe zur Literatur, dazu das Bestreben, nur keinen Gag auszulassen — jedenfalls zitiert Rodney Rothman zweimal aus den ersten beiden Seiten von Moby Dick, die jemand kopiert und neben der Aufzugtür angebracht hatte. «Besser leben mit Literatur!» stand obendrüber. Und Rothman zitiert Melville, weil die Formulierung im Großraumbüro einer Internet-Firma eben ganz besonders treffend erscheint. Zuerst kommt der Satz von den «Landratten, die Woche über eingepfercht zwischen ihren vier Wänden, angebunden an Ladentische, festgenagelt an Werkbänke, angeschmiedet an Pulte». Rothman fügt ironisch hinzu: «Versuch mal, darüber nachzudenken, in der U-Bahn, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Wovor hat sich Ishmael denn überhaupt so gefürchtet? Sind Skorbut, Walattacken und Piratenüberfälle so viel besser, als in einem Büro zu arbeiten? Unser Büro hat zumindest eine Klimaanlage. Die Gratis-Doughnuts am Donnerstagmorgen sind wenigstens nicht von Ratten aus dem Kielraum besudelt worden.» Und weil das mit Melville und Moby Dick gerade so gut lief, beschließt Rodney Rothman, noch einen Satz aus dem Anfangskapitel zu zitieren, wo Melville sich über die Bedingungen des Menscheins ausläßt: «... und so macht die allgemeine Schinderei die Runde, und jeder sollte des anderen Buckel reiben und zufrieden sein.»
Rothman sagt auch, weshalb er das zitiert. In seinem Büro gibt es eine Mitarbeiterin, die den Kollegen den Rücken massiert, und Rothman beschreibt das so: «Melissas Hände reiben meine Schulterblätter. ‹Du bist ganz schön verspannt im Nacken und an den Schultern›, sagt sie. ‹Du solltest dich öfter mal massieren lassen.›»
Das war's im Grunde genommen schon, drei Zeilen, die Rodney Rothman, der literarischen Entdeckung der Herbstsaison, in Zukunft eine weitere Mitarbeit beim New Yorker unmöglich machen. David Remnick, der Chefredakteur höchstselbst, entschuldigte sich im nächsten Heft bei seinen Lesern für den Artikel: «Wir haben erfahren, daß Rodney Rothman in seinem Stück ‹My Fake Job› erkennbare Einzelheiten über den Arbeitsplatz verändert und einen Vorfall — eine Massage im Büro — beschrieben hat, der nicht stattfand. Außerdem hätte der Autor aufdecken müssen, daß seine Mutter bei der Firma gearbeitet hat. Die Zeitschrift verbirgt keine Einzelheiten oder vermischt Tatsachen mit Fiktion, ohne den Leser darüber zu informieren (nicht mal in einem humorvollen Stück wie diesem), und wir bedauern den Irrtum aufrichtig.»
Ein übertrieben hoher Anspruch? War nicht das SZ-Magazin (Süddeutsche Zeitung) hier in Deutschland von Tom Kummer viel schlimmer reingelegt worden? Der hatte ganze Interviews mit Prominenten gefälscht. Oder das Schweizer Blatt Blick. Dem hatte ein Autor im vergangenen Sommer ebenfalls ein erfundenes Interview (mit Mick Jagger) angedreht. Oder die New York Times: die hatte Reportagen eines Mitarbeiters gedruckt, der nicht mal am Ort des beschriebenen Geschehens war. (Von George Bush und Tony Blair gar nicht zu reden, die mit erfundenen «Massenvernichtungswaffen» einen Krieg rechtfertigten. Aber die beiden hatten ja nie behauptet, Journalisten und damit der Wahrheit verpflichtet zu sein.)
Vielleicht hatte der Chefredakteur des New Yorker ja recht, als er so offensichtlich humorlos reagiert hat. Vielleicht stimmt die Devise «Lieber unterhaltsam gelogen als langweilig die Wahrheit gesagt» nur bis zu einem gewissen Grad, vielleicht sollte der Leser, wenn irgend möglich, bei der kleinsten Abweichung von der Wahrheit mit einem «Achtung! Fiktion!» gewarnt werden.
Was aber, wenn das als Fiktion gekennzeichnete Stück gar keine ist, sondern die «Wirklichkeit» so gut beschreibt, daß sich Personen darin wiedererkennen und auf Unterlassung — Verbot der Veröffentlichung — klagen? So geschehen bei den Romanen von Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst. Wieder anders liegt der Fall bei der «nicht autorisierten» Biographie des Nuschelsängers Herbert Grönemeyer, die vorläufig nicht weiter verkauft werden darf, weil der Barde sich beleidigt fühlt vom Autor. Und im Falle Dieter Bohlen, der ja «Nichts als die Wahrheit» verkauft, liegt der Fall wieder anders (kein Namenskalauer beabsichtigt), wenn die im Buch Erwähnten vor Gericht ziehen. Allerdings kann ich mich dabei des Eindrucks nicht ganz erwehren, daß diese einstweiligen Verfügungen den Autoren und Verlagen manchmal eher nützen als schaden. Was, wenn da der Spruch vorausgegangen ist: «Heh, Alter, kannste nicht mal schnell gegen mein Buch klagen und eine Einstweilige fordern? Sonst kauft es wieder keiner.»
Einen allgemein gängigen Ausweg gibt’s wohl nicht. Darf man wirklich alles veröffentlichen? Meine tägliche tazmacht sich im Falle der verbotenen Romane für die Freiheit der Kunst stark: Wo, wenn nicht in der Wirklichkeit, soll denn der Autor seine Inspiration holen? Das ist eben zu kurz gedacht, denn dann könnte jeder Fiesling, unter dem Vorwand, die Literatur zu pflegen, schreibend Rache an einer Verflossenen nehmen. Und wer würde behaupten wollen, daß die Fähigkeit zum Schreiben vor Fiessein schützt? Maxim Biller hat ja mit den Haß-Kolumnen seine Schreiberkarriere erst in Gang gebracht. Die Gerichte hielten die Einschränkung der Kunst- und Redefreiheit für weniger relevant und stellten sich bisher auf die Seite der Opfer. Denn die Leerformel, nach der «jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen Zufall» sei, glaubt ja eh keiner mehr.
Truman Capote, der den New Journalism als Gattung begründet hat (Kaltblütig war der erste Fakten-Roman, wenn man so will), zeigte sich erstaunt darüber, dass ihn seine vorgeblichen Freunde aus der New Yorker High Society nach der Veröffentlichung von Musik für Chamäleons fallen ließen wie eine heiße Kartoffel. Er hatte zwar keine richtigen Namen genannt, doch die Beschreibung der Reichen und ihrer Macken war so genau und treffend, daß sie sich (und ihr Bekanntenkreis sie) unweigerlich wieder erkennen mußten. Capote tat verwundert: «Was dachten die sich eigentlich? Ich bin schließlich Schriftsteller.» Ein literarischer Klatschreporter, der von sich sagte: «Ich bin schwul, ich bin drogenabhängig, ich bin ein Genie.»
Es ist schon ein Kreuz mit der Phantasie beim schreibenden Menschen.
Die Zitate aus dem Artikel von Rodney Rothman hat der Autor übersetzt, die Moby Dick-Zitate stammen aus der Übersetzung von Richard Mummendey (Winkler-Dünndruckausgabe). Bei ihm heißt Melvilles Ich-Erzähler übrigens Ismael, nicht Ishmael.
(c) Dezember 2003
Foto courtesy of Werner Enke
Bei den Dreharbeiten zu "Laubacher Feuilleton - der Film"
(3)
Vorbemerkung: Auch wenn die Zeitschrift Laubacher Feuilleton hieß, entstanden ist sie nicht in 73453 Laubach, sonderen im Münchner Stadtteil Maxvorstadt, in diversen Cafés und Kneipen im Raum Schelling-, Türken-, Zentnerstraße. Die Mitarbeiter und Redakteure waren allesamt Anhänger des Bagonalismus (siehe dort), einer Weltanschauung, die von dem Maler, Zeichner und Professor Nicolai Sarafov in die dafür bestimmte Welt gesetzt wurde. Neben dem Chefherausgeber und -redakteur Detlef Bluemler gehörten zum Kreis der Mitarbeiter und Autoren der Vierteljahreszeitschrift mehrere Lebensgefährtinnen des Chefs, besagter Professor des Freihandzeichnens, der Verleger Lotsch, die Übersetzerin Rennmaus, der allzu früh verstorbene Soziologe und Privatgelehrte Jander, der Schauspieler Popp, die Malerin Martine Dalennes, der Fotograf Kindermann, der Buchbinder Alzheimer, diverse Geliebte und Freunde der erwähnten Personen und der Autor dieser Zeilen. Für eher satirische Beiträge nannte er sich damals gelegentlich Hannes Kreisler, was wiederum auf die Verehrung für den großen E. T. A. Hoffmann und seinen Kapellmeister Johannes Kreisler zurückzuführen ist.
und was an ihr wirklich dran ist.
Von Hannes Kreisler
Seit Anbeginn der Zeiten hat sich die Wissenschaft vor allem mit einer Frage auseinandergesetzt: Gibt es die Wirklichkeit? Oder, um es moderner auszudrücken: Kommt der Realität tatsächlich Echtheitscharakter zu? Die Frage zu beantworten, scheint einfach. Dadurch, daß Sie diese Zeitung hier in der Hand halten, werden Sie sagen, ist doch der Beweis erbracht: die Wirklichkeit gibt es. Doch Vorsicht! Unser Ressortleiter ‹Kunst und Wissenschaft› hat einleuchtende Argumente gegen die Realität zusammengetragen. Hier die Ergebnisse seiner Nichtfeldstudie.
Wer sind sie?
Natürlich gibt es viele Helfer und Helfershelfer der Realitätsfanatiker, und manche von ihnen darf man getrost als nützliche Idioten bezeichnen. Andere wiederum sind zwar objektiv gutwillig und aufrecht, doch von jahrzehntelanger Gehirnwäsche schwer geschädigt. Aber, ob gutgläubige Mitläufer oder gerissene Opportunisten, sie sind alle nur Knechte von ihnen. Doch wer, so werden Sie fragen, sind sie? Die Antwort: Sie — das sind alle, die von der Vorstellung einer wirklichen Welt profitieren: Die großen Konzerne, die Fluggesellschaften, die Bundesbahn, die Versicherungen, die Telekom (Papp-Mail und E-Mail), die Politiker und die Reisebüros.
Lachhaft: Der Zusammenhang zwischen Steak und Wirklichkeit
Und, selbstverständlich an vorderster Front, alle Zuträger im sogenannten Überbau, der kulturellen Lügenorganisation, die sich mit solch verniedlichenden Begriffen wie ‹Unterhaltungskunst› oder ‹Showbusiness› tarnt. Beispiel: Der ‹Witz› von Woody Allen, man könne die Realität durchaus anzweifeln, doch sei sie seines Wissens der einzige Platz, an dem man ein anständiges Steak bekommt. Darüber sollten Sie mal nachdenken! Auf die Perfidie dieses Ausspruchs kommen wir später noch zurück. Aber: Erst die Fakten. Natürlich erinnern Sie sich an den Geographieunterricht in der Schule und daran, wie oft Sie die Umrisse Europas auf der Karte verfolgt haben: Skandinavien ganz oben, wie ein Tiger, der zum Sprung ansetzt, die britische Hauptinsel, wie eine Flamenco-Tänzerin mit wallendem Kleid, Frankreich und Spanien als gehorsam Männchen machender Bär, verkehrt herum natürlich, der italienische Stiefel, die dreifingrige Hand Griechenlands ... Doch genug, Sie wissen natürlich, daß diese Europa-Karte Teil der Verschwörung ist und nur zur Gehirnwäsche beiträgt. Denn die Wahrheit sieht anders aus: Europa gibt es gar nicht.
Auch die EU gehört zur Gehirnwäsche
Nun, Sie werden jetzt einwenden, daß alles gegen unsere These spricht: Das Europaparlament zum Beispiel, die Eurocity-Züge, die Europäische Gemeinschaft, der Euro-Scheck, der UEFA-Cup, die Eurovision ... Halt, es reicht. Merken Sie es jetzt? All das findet, mit Ausnahme der Eurocity-Züge, im Fernsehstudio statt. Denn seien Sie doch mal ehrlich: Woher kennen Sie die angeführten Einrichtungen mit dem Prädikat ‹Europa›? Eben, aus der Glotze. Und ich kann Ihnen versichern, was ich bereits 1969 bei der ersten Mondlandung offen ausgesprochen habe: Es ist alles gefälscht. So wie damals Neil Armstrong sein «ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit» in einem Fernsehstudio in New Jersey geprobt und ausgeführt hat, so stammt alles, was wir über Europa wissen, aus einem vierstöckigen, unscheinbaren Gebäude in München-Unterföhring, gleich hinter dem Kirch. (Sie werden jetzt sagen, das müßte ‹hinter der Kirch› heißen auf bayrisch, aber darauf kommen wir gleich zurück.) Dort jedenfalls, soviel sei gesagt, sitzt das Zentrum der europäischen Verschwörung. Dort wird alles, was Sie über Europa wissen, zusammengestellt und aufeinander abgestimmt. Das ‹wahre›, das ‹wirkliche› Europa dagegen liegt 190 Kilometer von der nordamerikanischen Küste entfernt und ist von Nord nach Süd genau 240 Kilometer lang. Wäre es länger, würde es von seinem eigenen Gewicht in den sumpfigen Untergrund gedrückt, der an dieser Stelle vorherrscht — also schon aus rein physikalischen Gründen kann es gar nicht größer sein. Nur wenn man sich eine Bahn- oder Flugkarte kauft, werden die zurückgelegten Kilometer mit denen auf der Landkarte im Geographieunterricht identisch — logisch, je mehr zurückgelegte Kilometer, umso höher der Fahr- oder Flugpreis. Und mit raffinierter Rückpro-Technik wird im Zug auch die Illusion der wechselnden Landschaft erzeugt, eine Illusion, die wiederum zentral von Unterföhring gesteuert wird (im Flugzeug fällt der Betrug nicht so auf, weil man auch beim Kreisfliegen immer wieder an anderen Wolken vorbeikommt).
Und damit sind wir wieder bei Herrn Kirch, Vorname Leo. Seit der die Rechte an allen Landschaften Europas in einem geheimgehaltenen Deal mit den millionenschweren Hollywood-Moguln erworben hat, geht ohne ihn nichts mehr. Und wenn Sie im Fernsehen genau hingucken, werden Sie auch merken, wie häufig der Hintergrund, die angeblich ‹reale Welt›, sich gleicht. Ein unwiderlegbarer Beweis für die Kirch-Theorie.
Die Mondlandung: Eine plumpe Fälschung
Nun, ich habe schon damals, als ich die Mondlandung als Fälschung entlarvt habe, um mein Leben zittern müssen. Monatelang wurde ich verfolgt, und nach meinen öffentlichen Zweifeln, die ich zur selben Zeit in der Fachzeitschrift Populärer Anti-Materialismus anmeldete, wurde die ‹Mond›-Landung nur immer häufiger über den Äther geschickt. Ohne meine aufklärerische Enthüllungsarbeit hätte man sich, wie bei den meisten Inszenierungen, mit einer einmaligen Wiederholung begnügt. Doch der Spitzel, der auf mich angesetzt war, mußte bald die Waffen strecken, als ich ihn eines Abends in meiner Stammkneipe, in die er mir gefolgt war, zur Rede stellte. Unter der Beweislast seiner Nichtexistenz brach er förmlich zusammen. Seither werde ich nicht mehr belästigt, außer von einem Herrn, der sich als Beauftragter der Bundespost ausgibt und behauptet, ich sei ein notorischer Schwarzseher. Doch auch ihn habe ich erst einmal nach Unterföhring geschickt. Ich bin neugierig, was er mir bei seinem nächsten Besuch für Wirklichkeitslegenden auftischen wird.
Nun werden Sie sagen: Na gut, Europa in der Form, wie es uns dauernd vorgegaukelt wird, gibt es gar nicht, eine Vermutung, die noch näherliegt, wenn man sich mit (Land-)Wirtschaft und der sogenannten EU befaßt. Doch lassen Sie uns nur ein Beispiel herausnehmen: Die Kuh. Zuerst wollte uns das Essenskartell (die Vereinigung aller mit der Herstellung und dem Vertrieb von Essen befaßter Institutionen) einreden, Essen wachse auf Bäumen oder Pflanzen. Ein absurder Gedanke, der, millionenfach wiederholt, einfach als Realität für bare Münze genommen wird. Wie schwierig diese ›Baum-Theorie‹ zu halten ist, sehen Sie schon bei einem Blick aus dem Fenster. Haben Sie je einen Baum gesehen, auf dem ein ‹Mars›-Riegel oder eine Packung Kaugummi wächst, von Ritter-Sportschokolade oder BigMäcs ganz zu schweigen?
Nach der gescheiterten Baumtheorie: Das Märchen von der Kuh
Also: Mit der lächerlichen Baum-Theorie müssen wir uns erst gar nicht weiter herumplagen. Bleibt die Kuh. Was soll nicht alles von ihr stammen! Eine Aufzählung führt die Vorstellungskraft in schwindelerregende Bereiche: Milch, Butter, Käse, Fleisch, Gürtel, Sofabezüge, Jacken, Boxhandschuhe, Schuhe, ja, sogar die Ochsenschwanzsuppe — all das soll von der Kuh kommen!
Nun könnte man angesichts solch absurder Theorien einfach eine Kuh lila anstreichen und über den Rest herzhaft lachen, wenn diese Theorie nicht in den letzten Jahrzehnten immer mehr verwirrte Anhänger gefunden hätte (meist Leute, die auch glauben, Pullover kämen vom Schaf, obwohl noch niemand ein Haar an einem dieser Tiere gesehen hat, das länger als zwölf Zentimeter war!). Sicher werden Sie jetzt auch wissen wollen, wer in einem solch gigantischen Betrug seine Finger im Spiel hat. Sie haben es erraten: Die Regierung, natürlich, die gleichen Leute, die von der Europa-Theorie profitieren, haben auch ein korruptes Interesse an der Aufrechterhaltung des Kuh-Theorems. Dabei weiß jede Kakerlake, woher das Essen wirklich kommt: aus dem Müll.
Die Anzeichen sprechen alle dafür. Weshalb sonst würde jede Gemeinde in unserem Land eine solch riesige Armee von Müllmännern beschäftigen? Richtig, weil der Profit dabei alles übersteigt, was sonst je an subventioniertem Unfug aus Steuergeldern finanziert wurde, die gesamte Atomindustrie und die Gaunerei mit dem Grünen Punkt eingeschlossen. Und die Nachfrage in diesem Geschäft bleibt stetig zunehmend — das behaupten jedenfalls die Verfechter der ‹Zuwachs-Theorie›, jene verantwortungslosen, vom Kapital gekauften ‹Experten›, die uns einreden wollen, daß die Weltbevölkerung ständig weiter zunimmt (Ein Unfug, der leicht zu widerlegen ist: Wie könnte denn eine Menschheit ständig zunehmen, wenn jeder Einzelne sterblich ist? Denken Sie mal darüber nach, bevor Sie wieder die Theorie von der Bevölkerungsexplosion nachplappern!) Doch verschwand die Müllüberwachung schnell wieder aus den Schlagzeilen — man wandte sich dem Genuß des wieder vorhandenen Essens zu, ohne zu fragen, woher es kommt. Doch ich will ihnen nichts einreden. Versuchen Sie es selbst: Legen Sie einen Haufen Abfall in die Mitte Ihres Wohnzimmers, und Sie werden sehen, daß er sich nach einer Woche in etwa so verändert, daß er genauso aussieht wie Essen, das eine Woche nicht im Kühlschrank lag. Die Augenfälligkeit wird auch Sie überzeugen!
In diesem Licht gesehen, erhält natürlich auch der Ausspruch von Woody Allen seine ganze perfide Bedeutung: Denn wenn es keine ‹Wirklichkeit› (gemeint ist die der Kuh-Theoretiker) gäbe, dann könnte Woody Allen in der Tat nicht behaupten, daß sie der einzige Platz sei, an der er sein Steak essen kann. Die nur vordergründige Absurdität des Statements entlarvt den Regisseur und Schauspieler als das, was er ist: Anhänger des unbedingten Wirklichkeitsgedankens, nur vordergründig humorvoll, tatsächlich aber ein gerissener Agent der Kuh-Theoretiker.
Was ist zu tun?
Zunächst: Schreiben Sie an Ihren Abgeordneten und machen Sie ganz deutlich, was Sie nicht länger hinnehmen wollen: Die Perpetuierung und Proliferation (= Weiterverfolgung, Weiterverbreitung) des Wirklichkeitsgedankens. Statt dessen: Aufklärung über die wahre Lage Europas, die tatsächliche Natur des fiktiven Müllkomplotts und die Nichthaltbarkeit jeglicher Theorien mit Wirklichkeitsanspruch. Nur so — ich wiederhole: nur so —, also durch totale Ablehnung jeglichen wirklichen Gedankenguts, können die dringendsten Probleme der nächsten Zukunft aus der Welt geschafft werden. Denn nur in der Wirklichkeit gibt es Umweltschäden und Bevölkerungsexplosion. Helfen Sie mit — lehnen Sie die Wirklichkeit ab! Geben Sie schon bei der nächsten Wahl Ihre Stimme der NEP — der Nicht-Existenten Partei! Und verfolgen Sie weiterhin die Berichterstattung im Laubacher Feuilleton — der einzigen Zeitung, die es gar nicht gibt. (Vgl. dazu den Beitrag von Herrn Wiegenstein in der Frankfurter Rundschau: «Eine Zeitung, die im Impressum einen Chefkoch aufführt — das gibt's doch gar nicht!»)
(c) 1994
Vorbemerkung: Kurzgeschichte? Erzählung? Kurze Geschichte? Egal, wie immer bewegt sich "Elvira" nahe an der Wirklichkeit, auch wenn der Autor nie in seinem Leben einen alten Daimler besessen hat. Echt ist die Frau (Sternzeichen: Widder), die er selten exklusiv hatte, echt ist das Café, echt wa(h)r Elvira, sogar der Name stimmt. Und es stimmt auch, dass die Geschichte mal im Playboy stand.

Foto © Hans Pfitzinger
Elvira
Eine kurze Geschichte
"Also wirklich, das hat mit dir überhaupt nichts zu tun." Der Satz kam mir schon im Kino so vor, als hätte ich ihn im richtigen Leben mehrmals gehört. Jetzt stand sie vor mir, sexy wie immer, mit einem Pullover, der genausogut ein Minikleid hätte sein können und gerade den Hintern bedeckte. Darunter trug sie diese modernen Strumpfhosen, die am Knöchel aufhören und die nackten Füße freilassen. Sie schaute mich an, mit diesem Blick, der sagen wollte: Was regst du dich denn über solche Nebensächlichkeiten auf, wo wir doch seit Tschernobyl alle wissen ... und das Robbensterben ... und der Treibhauseffekt ... du mußt doch einsehen ... Ich sah plötzlich überhaupt nichts mehr, nur noch eine weiße Leere, größer als das Ozonloch. Um ein noch schlimmeres Unglück als das Abschmelzen der Polkappen zu vermeiden, drehte ich mich um und ging einfach weg. Meine Schlußbemerkung überließ ich der Tür, die so laut ins Schloß knallte, daß ich zumindest mit meinem Abgang zufrieden war. Im Auto - vertraute Umgebung, oft geübte Handgriffe - füllte sich die weiße Leere etwas. Der erste klare Gedanke ließ nicht lange auf sich warten: Das passiert jedem, und bei dir ist es ja auch nicht das erste Mal. Na, wenn das ein Trost sein sollte, dann brauchte ich keinen. Dieses hundsgemeine Weibstück! Mich mit einem anderen zu betrügen! Und dann noch zu sagen, mit mir hätte das nichts zu tun! Und ob das was mit mir zu tun hatte! O Mannomann, die sollte mich kennenlernen. Alles kurz und klein schlagen werde ich bei ihr. Den fetten Kater werde ich ersäufen, die verdammten Zimmerpflanzen rausreißen, die albernen Vorhänge anzünden, die blöden Bilder von diesem noch blöderen Maler zerschneiden ... und meine Tapes will ich wiederhaben! Womöglich hatte sie mit dem Kerl gebumst und dazu meine Prince-Kassetten eingelegt ... Beinahe hätte ich umgedreht und wäre zurückgefahren. Doch dann siegte die Vernunft. Schluß. Aus. Vorbei. Sie sollte ankommen, auf Knien, und dann würde ich sie hochkant rausschmeißen. Nicht mit mir, meine Liebe, mit mir nicht. Ich gab Gas und lenkte den Daimler nach Schwabing. Ein Bier würde mir gut tun. Genau, ich werde ins "Uptown" reinschauen. Elvira sollte mich ablenken. Das war der erste wirklich gute Gedanke, der mir heute einfiel. Schon seit Monaten hatte sie so seltsam gelächelt, wenn sie mir das Pils hinstellte, die heiße Elvira. Ich sah sie vor mir mit ihren blondgefärbten Haaren, wie immer im hautengen Pullover mit dem tiefen Ausschnitt. Oh ja, sie war wirklich ein Prachtweib, und für solche Titten ohne BH bräuchte man eigentlich einen Waffenschein. Hatten wir uns nicht richtig nett unterhalten, letzte Woche, als wenig los war und sie sich zu mir setzte? Vielleicht war sie tatsächlich scharf auf mich, und ich hatte es einfach nicht richtig gemerkt, weil ich mir immer vorkam, als sei ich in festen Händen - na ja, das stimmte schließlich. Aber jetzt - jetzt war alles anders. Auf ins "Uptown"! Das Café war gerammelt voll. Auch gut. Das Gerede und Geklapper und Gerausche würde mich ablenken. Oder anregen. Ich mußte dringend nachdenken. Elvira hatte alle Hände voll zu tun, sah kaum hoch, als sie mir mein Pils hinstellte und verschwand gleich wieder. Ich nahm einen tiefen Zug aus dem Glas und fingerte eine Camel aus der Packung. Noch gab es verschiedene Möglichkeiten, immer davon ausgehend, daß wir uns im zweiten Jahrtausend christlicher Zivilisation befinden. Ich konnte sie erschießen. Oder ihn. Oder alle beide. Klar, der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt, wie schon Herr Schiller wußte, weshalb ich auch gar nicht auf die Idee käme, mich zu erschießen. Lieber beschloß ich, noch ein Pils zu bestellen. Diesmal lachte Elvira freundlich. Oder verführerisch? Ja, ich glaube, die merkt schon, daß ich heute länger bleiben werde. Mir fiel ein, daß ich nicht mal eine Pistole hatte. Wenn ich jetzt erst rumfahre, und mir ein Schießeisen besorge, wird mir keiner mehr den Affekt glauben. Scheiße, was soll das denn überhaupt. Wir sind doch nicht in Texas! Es muß doch noch andere Möglichkeiten geben. Ja, ich hatte eigentlich ganz richtig reagiert - umdrehen, weggehen, Schluß machen. Bloß nicht zurück jetzt- lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, genau das würde ich ihr sagen. Am Telefon. Mit mir konnte sie das Stück einfach nicht aufführen. Und wenn die Weiber mal mit so etwas anfangen, dann machen sie auch weiter. Wenn die einmal Blut geleckt haben, dann wollen sie`s immer öfter. Dafür bin ich mir zu schade, so ein drittes Rad am Beiwagen, nö nö, Baby, entweder krieg ich dich allein, Exklusivrechte und so, oder wir lassen es bleiben. Ich will doch nicht mit einer Nutte rumziehen. Und beim nächsten Abendessen kommt vielleicht so ein Hänger an, und sie stellt ihn als "guten Freund" vor, und das ist dann möglicherweise der Typ, der mir die Hörner aufgesetzt hat. Himmelherrgottnochmal, was denken die sich eigentlich heutzutage, diese Flittchen! Ja, Elvira, klaro, eines geht immer noch. Was? Nein, ich höre nicht schlecht, aber bei dem Lärm hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht. Nein, nein, ich bin schon in Ordnung. Wie schau ich aus? Ich? Nein, ich bin überhaupt nicht sauer, nein, mir geht`s gut. Danke. Ja, das dritte. Seit wann machst du denn Striche bei mir? Soso, immer ab dem dritten Pils. Na gut. Prost. Ein süßer Käfer, diese Elvira. Mein Gott, was hat die`n Hintern! Und der Reißverschluß von ihrem Minirock geht genau bis zur Mitte. O Mann, ich steh nun mal auf rund, vorne und hinten. Aaah, das zischt. Ja, also, dann bin ich von jetzt ab wieder alleine auf der freien Wildbahn. Neues Spiel, neues Glück, jawoll, meine Damen. Mit mir ist wieder zu rechnen. Die Jagd ist auf. Soll sie sich doch einen von diesen Softies suchen, der alles hinnimmt ohne zu mucken. So ein Typ, der alles versteht und alles verzeiht. Ja, genau, so einen Blödmann gönne ich ihr. Sie wird schon sehen, was sie davon hat. Nur - mit mir hat das alles nichts mehr zu tun. Ich komme schon zurecht, meine Liebe. Nur - was dann? Alleine bleiben? Neenee, für die Einsiedelei bin ich nicht geschaffen. Das is' was für andere, Bücherwürmer und so. Mensch, ich bin doch noch am Leben! Sowas geht schon aus rein biologischen Gründen nicht. Bei aller Liebe zur Onanie, mit einer Frau macht es einfach mehr Spaß, gar keine Frage. Wie hieß der alte Spruch? Wichsen ist menschlich, ficken göttlich. Genau, höhö. Ja, klar, ich nehm noch eins. Danke, Elvira. Diese Augen! Und diese Lippen, ich werd auf der Stelle verrückt. Solche Lippen, Mann! Ich darf gar nicht dran denken, was die alles damit anstellen kann. Verflixt, eines mußte man der alten Kuh mit ihren blöden Nichts-mit-dir-zu-tun-Sprüchen lassen, wenn`s ans Blasen ging, da war sie Spitze. Ach Mann, vergiß es, andere Mütter haben auch schöne Töchter. Ich werde schon wieder was aufreißen, und zwar bald. Und wenn nicht? Ja, wenn nicht? Wie lange ist das denn jetzt her, daß ich solo war? Fünf Jahre, nein, sechs. Davor habe ich doch auch gelebt. Und nicht schlecht, nicht schlecht. Es hat doch ganz schöne Vorteile, wenn man ohne Frau ist. Doch, wirklich. Man geht ins Kino, wenn man Lust dazu hat, und schaut die Filme an, die man gerne sieht, ohne lange zu diskutieren, ob jetzt Mickey Rourke oder Christopher Lambert der heißere Typ sein könnte. Ich kann sie beide nicht ausstehen, aber der Rourke spielt wenigstens manchmal in guten Filmen mit. Mensch, genau, morgen geh ich ins Kino! Wie lange wollte ich mir schon den neuen Film mit Beatrice Dalle anschauen! Die hat`s, mein Lieber, das bringt Bewegung in die Jeans, der sieht man die Geilheit schon im Gesicht an. Und ausziehen tut sie sich auch in jedem Film. Ja, morgen geh ich mir nochmal "Betty Blue" anschauen, da wird sie schon in der ersten Szene gebumst. Ich geh einfach eine Viertelstunde vor Schluß raus, ich will nicht nochmal zuschauen müssen, wie sie verrückt wird, nee, das spar ich mir. Nur die Szenen, in denen sie nackt vorkommt, ja, morgen, "Betty Blue". Ach, Elvira, die hat fast genauso sinnliche Lippen wie diese Beatrice Dalle. Ob ich noch eins trinke, ja, nur her damit. Wow, jetzt hat sie doch wie aus Versehen meinen Handrücken gestreift. Aber mir macht sie nichts vor, die steht auf mich, keine Frage, Baby. Na denn Prost! Wo waren wir stehengeblieben? Ja, genau, ohne Frau macht das Leben doch gleich mehr Spaß. Wie kann man sich denn überhaupt als Mann an eine Frau anhängen? Schau dich doch mal um hier. Ach, es wird schon leerer. Aber die meisten sind wieder paarweise unterwegs, bis auf die Typen da am Ende der Theke. Die reden gleich zu dritt auf diese Ziege mit den weißgefärbten Haaren ein. Wie kann man nur auf solche Weiber stehen, Mann, sowas von künstlich ... Obwohl, Elvira hat doch auch gefärbte Haare ... naja, kommt immer auf den Typ an. Sollen sie doch rumbalzen, diese drei Deppen da drüben. Ich könnt' eigentlich `n Wodka vertragen. Genau, Wodka, da krieg ich wenigstens kein Kater von, Wodka vertrag ich immer am besten. Jetzt, wo ich schon mal so gut drauf bin, könnt ich glatt einen kippen. Elvira, hier, ja, ääh, ja, ich krieg noch`n Wodka, Elvira, meine Allerbeste. Was? Nö, mach dir da mal keine Sorgen, ich fahr wie `ne Eins, und außerdem bin ich stocknüchtern, wirklich. Also, runter damit. Aaaah. Nicknicknick, das zischt. Wo warn wir denn stehengeblieben? Die Vorteile. Ja, ohne Frau hat man schon seine Vorteile, wirklich. Denk nur mal dran, wie schön das ist, wenn man allein schläft - das ganze Bett für sich, kein Streit, ob das Fenster auf- oder zubleibt, keine falsche Scham, wenn mal der Darm blubbert - Mann, da läßte halt einen ziehen, wennde alleine pennst, mußte dir keinen abbrechen, und Blähungen verdrücken ist eh ungesund. Naja, wie sagte der Werner immer? Die Flitterwochen sind vorbei, wenn dir das Furzen einerlei ... Trotzdem, ich bin da immer rücksichtsvoll gewesen. Aber wenn keiner neben dir im Bett liegt, dann kannste tun, wasde willst. Klaro. Was? Ja, eines geht noch, Elviraschatz. Das darf doch nicht wahr sein, wie die mich jetzt verliebt angeschaut hat. Da läuft noch was heut abend, mein lieber Herr Gesangverein, da geht was. Wie spät ham wir`s denn? Erst halb eins, na da hab ich noch Zeit, bis ich zum Angriff übergehen muß. Aber es hat schon Vorteile, ohne Frau. Zum Beispiel gibt es keinen Streit, wohin man in Urlaub fahren soll. Ich könnte jetzt endlich mal so`n Club ausprobieren, wie heißen die gleich noch? Rumbumson oder Mädifickeranee, hihihi, wo die knackigsten Mädels alle oben ohne in der Sonne liegen, jawoll, und die kommen ausnahmslos als Singles da hin und wollen gebumst werden, sonst würden die gar nicht in Urlaub fahren. Mann, und wie oft bin ich mit ihr in die blöde Toskana gedüst und habe Pasta gefressen, rabiat und al pesto, alla putana, alla casa und alla Fraßa, bis sie mir zu den Ohren rauskamen. Ich kann den blöden Marktplatz von Siena einfach nicht mehr sehen, das schwör ich dir, und noch ein einziges Mal in sone Renaissancekirche und ich kotz die Antipasti übern Altar. Oh Mann, das gehört alles zu diesem blöden Zweisamkeitswahn dazu. Weißte, wo ich dieses Jahr hinfahre? Ich fahr direkt ins FKK nach Südwestfrankreich, ja, genau das werde ich tun, nackte Französinnen anschauen, junge, knackige, da kaufste die Katze wenigstens nicht im Sack, Mann, ja, da siehste vorher, was du später ins Bett kriegst. Ja. Aber bis dahin werd' ich wohl mal alleine sein. Ja. Hmm. Ohne Frau. Na und? Guck sie dir doch an! Kennst du einen Typen, der nicht an `ner Frau dranhängt, weil er ein Schwächling ist? Schau sie dir an, Mann, alles nur Erschlaffung, weil sie`s allein nicht aushalten, die Memmen. Man muß sich wirklich nicht auf all diese Weiberlaunen einlassen, muß man nicht! Der Starke ist am mächtigsten allein, richtig? `N Abend, Herr Schiller, da sinse ja wieder. Der Starke, jawoll, Friedrich von, der Starke. Allein! Ich weiß schon, wie das jetzt weitergeht. Ich werde wieder zu Parties eingeladen, ich werde wieder die Kneipen abgrasen, ich werde wieder die Frauen für eine Nacht haben, ich werde wieder jeden einzelnen Türsteher von jeder einzelnen Disco in der ganzen verdammten Stadt kennen, weiß ich doch alles noch, und dann kriegt man wieder diese Beziehungen zu den Pärchen, die ganz gern mal einen Einzelgänger zur Auflockerung brauchen, so`n Typen wie ich einer bin, mit Grips und Geist und witzigen Sprüchen drauf. Jaha, das Leben wird wieder interessanter. Ich trink noch`n Pils, Elvira. Mann, jetzt hat sie aber wirklich was Aufforderndes im Blick. Naja, wird wohl daran liegen, daß bald die Laken verteilt werden. Ist ja gleich Polizeistunde, aha. Und kaum noch Einzelgänger hier. Steht nicht schlecht für mich. Also wirklich, nichts als Vorteile, wenn man keine feste Frau hat. Und Nachteile? Eigentlich nur einer - man hat keine feste Frau. Aber vielleicht sollte ich noch`n Wodka bestellen? Was, letzte Runde? Na gut, Elvira, noch`n Langen und `n Kurzen. Schade, daß sie jetzt die Gläser spülen muß, das schöne Elvirakind, aber lange kann`s nicht dauern, und dann können wir ja noch ins "Babalu" rüberziehen. Erst `n bißchen hopsen, das macht sie scharf fürs Bett, die Weiber. Apropos, wenn ich da an das alte Miststück denke, im Bett ham wir uns eigentlich immer ganz gut verstanden. Der letzte Sonntag, mmmhm, das war schon was! Als sie bei mir vorbeikam in ihrer schwarzen Lederjacke mit nichts drunter, dazu den kurzen Mini und kein Höschen, geil finde ich das, einfach geil, daß die so durch die Stadt fährt, und dann knöpft sie nur die Jacke auf, und alles is gleich da, Mannomann, wir hatten noch nicht mal `n halbes Glas Pouilly-Fumé geleert, da lagen wir schon im Bett. Was für ein wunderbarer langer Fick, ich meine, so richtig natürlich, nach der guten Art, mit allem, was dazugehört, Abwechslung und so, das ganze Kamasutra rauf und runter, wo man sich einfach wohlfühlt und alle Variationen durchspielt, weil es stimmt und ganz toll ist, und beide nicht irgendwelche Machtzicken ablaufen lassen, sondern sich auf das Wichtigste in Liebe konzentrieren, auf den guten Ritt für beide, jaaa, und wie sie geschrien hat bei ihrem ersten Orgasmus, Mann, das macht mich an, wenn ich als Mann gefordert werde, toll sowas, und dann ging`s erst noch eine lange, lange Zeit so weiter, bis ich die Muskeln auf ihrem Rücken sah, wie sie auf meine Stöße reagierten, ich sie in den Nacken biß, das mag sie, richtig tierisch, raubkatzenmäßig, hat sie selbst mal gesagt, und dann, wow, Countdown, drei, zwei, eins, zero, wumm ... ab in den Orbit ... und später lagen wir dann da, und als ich wieder denken konnte, da dachte ich: So mag ich mich selbst am liebsten, wenn sie mich so mag, weil ich sie zum Orgasmus bringe und sie mich, und ich muß mir nicht mal irgendwas anderes vorstellen dabei, andere Titten, andere Frauen, andere Situationen, weil sie mich einfach geil genug macht genau in diesem Augenblick. Keine Frage - toll, sowas, wirklich toll. Und selten. Hab ich auch lange nach gesucht ... Was`n das für`n Typ da, heh? Kommt hier rein und küßt Elvira auf ihre unglaublichen Lippen, ach du grüne Schande, schau dir den Kerl bloß mal an, die steht wohl auch noch auf sowas, Bart und lange Haare, so`n Hippie aus der Gruft, ich krieg zuviel, jetzt legt sie ihm auch noch die Arme um den Hals und guckt ihm ganz verliebt in die Augen, Himmelherrgottnochmal ... Na ja, da gibt`s nur eins: Schau du auch den Realitäten ins Auge, mein Lieber. Die Wahrheit erhebt ihr widerliches Haupt, ob du`s magst oder nicht: Das ist der Typ, mit dem sie heute abziehen wird. Schöner Mist, was mach ich`n jetzt? Na ja, ich könnt noch ins "L.A.", da hängt immer das Studentinnengesocks rum, sowas aus`m ersten Semester wär gar nicht schlecht. Und dann hinterher wieder das Gefrette mit den kaputten Kinderseelchen hinter den festen Tittchen ... Nee, lieber nicht. Oder in die "Bar jeder Hoffnung"? Mist, das bringt`s auch nich, heute kann ich diese abgewrackten 68er-Typen nich mehr ab, da werd ich zum Deper. Also, was weiß ich denn ... Scheißsituation, erstmal muß ich raus hier. Zahlen! Jetzt schäkert die da an der Spüle mit ihrem Langhaaraffen rum und hört nicht mal, daß ich zahlen will. Elvira, zahlen! Was? Nein, mir hat niemand den Strom abgedreht. Wie`s Kristina geht? Na gut, wie denn sonst. Nein, ich fahr nicht mehr mit`m Auto, jaja, ich nehm `n Taxi. Hmmm, vielleicht sollt ich doch ... Ach, hör mal, Elvira, haste mal dreißig Pfennig klein fürs Telefon? Wie, kann gleich hier ...? Okay, reich`s mal rüber, ja danke ... und dann isse nich zu Hause, und dann wird`s ... na, da könnte sie aber was erleben, wenn sie jetzt zu allem Überfluß auch noch nicht zu Hause ist!! Scheiße, verwählt, kein Anschluß unter dieser Nummer, gut, kann ja vorkommen, naja, die Wodkas hauen immer ganz schön rein ... Halloo? Ja, klar, wer soll`s denn sonst sein. Wen hasse denn erwartet um die Zeit? Was? Nein, ich fang nich wieder damit an. Nein. Was? Willse mich fertigmachen oder was? Wer sagt denn, daß ich `ne schwere Zunge hab, klaro, sicher. Ob ich noch vorbeikommen will? Naja, eigentlich ... na schön. Was? Deine Mitbewohnerin is mir ziemlich egal. Gut. Nein, ich werd nicht klingeln. Du schmeißt den Schlüssel runter? Okay dann, bis in zehn Minuten. Ja, ich nehm `n Taxi. Weshalb ich mich so besoffen habe? Ach weißte, also wirklich, mit dir hat das überhaupt nichts zu tun.
© 1989 by Hans Pfitzinger
"Meine Eltern reden den ganzen Tag über Sex"
Der italienische Filmkomiker Roberto Benigni
von Hans Pfitzinger
Es gibt ein apostolisches Wort, Toren frohgemut zu dulden. Wir betonen immer das Wort >dulden< und legen die Stelle so aus, als ob sie uns Resignation empfehlen würde. Es wäre vielleicht besser, das Wort >frohgemut< zu betonen und dadurch unsere Bekanntschaft mit Toren zu einem Vergnügen und fast zu einer Schlemmerei zu machen. G. K. Chesterton, Charles Dickens, New York, 1906.
Es ist Nacht in New Orleans. Die menschenleeren Straßen sind nur spärlich erleuchtet. An einer Ecke sitzt ein Mann auf dem Gehsteig und nimmt gelegentlich einen Schluck aus der Flasche. Da taucht eine merkwürdige Gestalt aus dem Dunkel auf, zieht einen Notizblock aus der Tasche und liest mit italienischem Akzent vor: “It is a sad and beautiful world.” Der Mann auf dem Gehsteig sieht kurz hoch, mustert den Fremden interessiert und widmet sich dann wieder seinen eigenen Gedanken, die aber zunehmend um die eben gehörten Worte kreisen: “It is a sad and beautiful world”, beginnt er zu singen, während der andere in der Nacht verschwindet. Die Szene stammt aus dem Film “Down By Law” des amerikanischen Regisseurs Jim Jarmusch. Es ist der erste Auftritt des italienischen Komikers Roberto Benigni. Den Mann auf der Straße spielt Tom Waits, dem, genau wie dem anderen Hauptdarsteller John Lurie, im weiteren Verlauf des Films von dem Italiener scheinbar mühelos die Schau gestohlen wird. Wer sieht, mit welchem Einsatz an Mimik und Körpersprache Roberto Benigni seine Rolle gestaltet, kann sich der Ausstrahlung dieses Schalksnarren nur schwer entziehen. Down By Law, ausgerechnet ein US- Film, machte den Mann aus der Toskana auch in Deutschland zum Publikumsliebling. Es ist Tag in Cinecittá. Die Gestalt, die vor mir durch den Regen schlurft, sieht schon sehr merkwürdig aus: Klobige schwarze Schuhe, viel zu lange Hosen, die in Ziehharmonikafalten am Boden enden, ein übergroßes Pepitajackett und, was das merkwürdigste ist, die Gestalt hat keinen Kopf! Na ja, jedenfalls sieht man ihn nicht, denn Roberto Benigni hat das Jackett über die Haare gezogen, um sich vor der Nässe zu schützen. Der Regen ist echt, auch wenn er in Cinecittá fällt. Über den römischen Filmstudios hängt ein Gewitter, und es scheint sich nicht von der Stelle zu rühren. Seit gut eineinhalb Stunden rauscht die Flut so laut aufs Studiodach, dass der Tonmann des öfteren bedenklich den Kopf wiegt. Doch die Arbeit geht weiter, auf etwas Rauschen mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an: Die letzten Szenen am heutigen Drehtag spielen alle in einem Zugabteil und gehören zu einem sieben Minuten langen Sketch, in dem es um verwechselte Fahrkarten geht — eine Standardsituation italienischer Filmkomik, eine Verbeugung vor dem großen Toto, der eine ähnliche Szene vor gut dreißig Jahren schon einmal auf die Leinwand gebracht hat. Roberto Benigni, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person, dreht gerade seinen Film “Il piccolo diavolo” zu Ende, und so wie er es erklärt, wird damit eine geradezu genial komische Geschichte in die Kinos kommen: Il piccolo diavolo (Der kleine Teufel) ist ein sehr poetischer Film, weder symbolisch noch metaphorisch ... “Sssch, warte mal, das ist gar nicht leicht für mich auf englisch. Die Geschichte ist sehr einfach zu denken und sehr schwer zu erklären: Der Teufel ist in den Körper einer dicken Frau gefahren, und kurz vor seiner Geburt geht sie in ein theologisches Haus, und da ist Walter Matthau als Exorzist. Und der treibt mich aus der Frau aus. Ich bin wie der kleine Pinocchio als Teufel - ich bin gerade geboren, ich weiß nichts, keine Sprache, nichts über Sex, nichts über das Leben. Ich imitiere alles. Und dieser Priester ist ein amerikanischer Priester, und ich mache seine Sprache nach und alles. Ich bin eine komische Figur in tragischen Situationen.” Walter Matthau als Exorzist. In einem italienischen Film mit Roberto Benigni. Matthau kostete die Produktionsgesellschaft schlappe 50.000 Dollar. Pro Drehtag. Doch ohne US-Star kein US-Verleiher, und wahrscheinlich hätte man auch in Deutschland abgewunken, denn ohne zugkräftigen Star, alleine mit Benignis Bekanntheitsgrad aus Down By Law, lassen sich die Kinos nur kurzzeitig füllen. In Down By Law spielt er weitgehend sich selbst, oder zumindest das, was Regisseur Jim Jarmusch in ihm sah. Benigni: “Ich habe Jim in Italien getroffen. Ich habe nicht ein Wort amerikanisch gesprochen, und er kein Wort italienisch. Deshalb hatten wir eine sehr pornografische Beziehung am Anfang, weil wir nur Körpersprache hatten und unseren Geruch. Aber wir haben einander sehr geliebt, wir waren dauernd zusammen und haben uns beschnüffelt, so wie Schweine sich beschnüffeln, oink, oink, und so haben wir uns schon verstanden, aber es war sehr anstrengend. Und ich habe mir immer aufgeschrieben, was ich zu Jim auf englisch sagen wollte. So hat er dann das Drehbuch geschrieben, nachdem er mich kennengelernt hatte. Aber es ist allein sein Verdienst, weil man als Regisseur eben auswählen muss, was man aus dem Leben auf die Leinwand bringen will. Im Leben ist alles da, man erfindet nichts. Vielleicht bin ich im Leben wie die Filmfigur, aber auch ein Barmann spielt seine Rolle im Leben als Barmann. Das heißt aber gar nichts, Jim hat alles geschaffen.” Aber er hat dich so genommen, wie du bist? “Schon, aber erst mal musste ich mich ja spielen. Wenn du dich nicht spielst, bist du der schlechteste Schauspieler der Welt. Nimm einen Betrunkenen für die Rolle eines Betrunkenen, und du hast den schlechtesten Betrunkenen, den du kriegen kannst.” Down By Law erzählt die Geschichte von zwei amerikanischen Sträflingen (Rockpoet Tom Waits und Saxophonist John Lurie), in deren Zelle ein Italiener mit Geist, Herz und Humor verlegt wird. Alle drei schaffen den Ausbruch und Benigni bekommt auch noch eine wunderschšne Frau (dargestellt von seiner Lebensgefährtin Nicoletta Braschi) zum Happy-End. Der Film besticht durch seine stilvoll komponierten schwarz-weiß Bilder, die Handschrift des Münchner Kameramanns Robby Müller (u.a. Paris,Texas, Barfly). Als Benigni am Ende der Dreharbeiten zu Robby Müller sagte: “I will see you in Rome”, war schon der Grundstein für weitere Zusammenarbeit gelegt. Es sollte Müllers erster — und wahrscheinlich letzter — italienischer Film werden. Benigni: “Ich mochte ihn, und ich mochte seine Filme.” Das beruhte auf Gegenseitigkeit, auch wenn Müller heute sagt: “Ich würde es mir dreimal überlegen, bevor ich wieder in Italien arbeite.” “Komödiant zu sein ist die schwerste Arbeit im Leben”, sagt mir Benigni später. “Es ist so anstrengend für Körper und Geist, wegen des Vergnügens und der Freude, die es bringt. Auch wegen des erotischen Vergnügens. Man zahlt dafür, immer. Es strengt das Herz an. Aber ich genieße es, natürlich, natürlich. Die höchste Kunst im Leben besteht darin, einfach zu sein und zu lächeln, sagt Majakowski. Weil das sehr Einfache sehr anstrengend ist, auf der Bühne. Es gibt da so viele Sachen, Stil ... Worüber reden wir gerade? Ich habe vergessen, was ich gerade gesagt habe. Hahahaaaaah. Hast du noch andere Fragen? Hehehe.” Roberto Benigni, 1,68 groß, vor 35 Jahren im Toskana-Nest Vergaio bei Prato geboren, Sternzeichen Skorpion, fing als Unterhaltungskünstler an, nachdem er erst ein Priesterseminar besucht und dann, um sich vor dem Militärdienst zu drücken, Biologie studiert hatte. Nach dem Examen kam ihm die Erleuchtung: “Es war am 14. April 1966, zwischen vier und fünf Uhr nachmittags, da habe ich beschlossen, Komiker zu werden. Juhuu!” Und vorher? “Ein Jahr lang war ich Jesuit. Im Seminar hatten sie am Eingang diesen Satz von Macchiavelli: `Es gibt Leute, die alles wissen, und das ist alles, was sie wissen.´ Da muss man drüber weg kommen, wissen allein genügt nicht. Ich wollte Priester werden. Aber dann kam das Biologiestudium, und dann fing ich an zu singen. Wie ein Musiker. Ich habe Gitarre und Akkordeon gespielt. Auf dem Land. Da habe ich improvisiert und gesungen, mit einem sehr alten Mann. In der Toskana haben wir eine Tradition, wir singen für die Leute, so wie bei Ariosto, acht bis elf Silben, mit Reim, a b, a b, a b, c c. Improvisation. Mit einem sehr alten Mann.” Und da bist du von Dorf zu Dorf gezogen? “Genau. Und die Leute rufen: `Sing was über den Papst!´ Und da fange ich an: Ich denke der Papst ist ein Mann.. Und singe das mit Reim, genau wie in Orlando furioso (Der rasende Roland, von Ariosto). Derselbe Stil, allerdings in der schlimmsten und hässlichsten Form. Von Zeit zu Zeit mache ich das immer noch. Viele von diesen Sängern sind ja inzwischen tot. Ich bin der jüngste mit 35. Der nächste ist 82.” Über Cinecittá rauscht immer noch der Platzregen, gelegentlich unterbrochen von heftigen Donnerschlägen. Stefania Sandrelli zuckt jedesmal zusammen und greift nach Robertos Hand. Der sitzt vor ihr auf dem Boden des Zugabteils und lächelt sie beruhigend an. Die Sandrelli erlangte in den sechziger Jahren Weltruhm neben Marcello Mastroiani in dem Film “Scheidung auf italienisch” von Pietro Germi. Um den Erfolg zu nützen, drehte der Regisseur gleich noch eine Komödie mit dem jungen Star, “Alfredo, Alfredo”, in der ihr Partner Dustin Hoffman sie so beschreibt: “Eine Mischung aus Sinnlichkeit und Keuschheit - als ob sie tagsüber bei der Heilsarmee und nachts als Masseuse arbeitet.” Stefania Sandrelli hat auch in ihrem vierten Lebensjahrzehnt noch eine unvergleichlich erotische Ausstrahlung und das schönste Grübchen im Kinn seit Kirk Douglas. In der Szene im Zugabteil sitzt sie am Fenster und schreibt einen Brief. Roberto reicht ihr einen Kugelschreiber aus dem Off. Zwei Arbeiter wedeln mit Brettern vor den Scheinwerfern, um die Illusion vorbeihuschender Schatten zu erzeugen. Die Szene dauert vielleicht drei Minuten, in denen nichts gesprochen wird. Endlich unterbricht Roberto die Stille, ruft: “Cut!” Und fügt hinzu: “Wonderful this time!” Und die Dame, die als Voice Coach über die korrekte Aussprache beim Drehen wacht, kommentiert trocken: “Very good English.” Als sich die Sandrelli von Roberto Benigni am Ende des Drehtages mit Küsschen auf beide Wangen verabschiedet, strahlt er bis über beide Ohren. “Aaah, ist sie nicht wunderbar?” Versonnen schaut er dem Star seines Films hinterher. Ja, die Stars. “Mit Walter Matthau zu drehen, war gar nicht leicht für mich”, berichtet Roberto in der Mittagspause am Tisch seines Wohnanhängers, der vor dem Studiobau für ihn aufgestellt wurde. “Ich kann ja nicht sehr gut englisch. Als ich ihm den Film am Telefon erklärt habe, habe ich eine völlig andere Geschichte erzählt. Als Matthau dann hierherkam, hat er nach ein paar Drehtagen gesagt, das sei gar nicht der Film, von dem ich gesprochen hatte. Das stimmte.” Und wie war die Arbeit mit ihm? “Walter Matthau zu inszenieren, das war für mich, als würde ich den schiefen Turm von Pisa inszenieren, oder einen Mythos ... oder das Meer. So gut ist er. Ich habe einfach die Kamera hingestellt und gesagt: Los! Sei schief!” Wir haben uns in den Wohnwagen eingeschlossen, weil alle paar Minuten jemand ankam und etwas mit Roberto besprechen wollte. Immer wieder klopft es an die Tür, und immer wieder schreit er hinaus: “Ruhe! Ich mache ein Interview!” Inzwischen reden wir über Dinge, die nur noch bedingt mit dem Film zu tun haben. Roberto, glaubst du an Gott? “Natürlich. Äääh, ich meine, nicht so sehr an Gott, als an den Teufel.” Im selben Moment ruft eine Stimme: “Roberto! Roberto!” Er sieht mir weiter starr in die Augen und zwinkert kurz hinter seiner schwarzgerahmten Brille: “Die Stimme Gottes! Du weißt ja, ich habe bei den Jesuiten studiert, und ich bin sehr religiös.” Wieder hört man eine Stimme von draußen: “Roberto!” Er lässt sich nicht ablenken: “Ich möchte gleichzeitig religiös und erotisch sein, wie die Kabbalah über Gott sagt: Gott ist sehr religiös ... na, ich weiß nicht, aber er ist sehr erotisch.” Demgemäß kommt auch in Il piccolo diavolo die Erotik nicht zu kurz. Walter Matthau hat eine mysteriöse Verbindung zu Stefania Sandrelli, eine Liebesaffäre nach der Beichte. Benigni: “Aber so ganz verstehen wir das nicht, nur eines ist klar: Matthau ist mein Gegenpol im Film -— eine tragische Figur in komischen Situationen.” Wieso verstehen wir das nicht? “Ach, weißt du, etwas nicht zu verstehen ist doch die natürlichste menschliche Situation. Das meiste im Leben verstehen wir nicht.” Sex zum Beispiel? “Ja. Ich glaube wir reden zu viel über Sex, und nehmen damit das Geheimnis weg, das wirklich Erotische. Ohne Geheimnis ist alles weniger wert. Wenn das Erotische fehlt bei irgendwelchen Sachen, dann ist es nicht gut. Oder das Religiöse. Sie sind Gegensätze. Oder das Gleiche. Das kannst du als Deutscher mir vielleicht besser erklären.” Weshalb das denn? “Weil ich das bei dem deutschen Philosophen Schopenhauer entdeckt habe. In `Die Welt als Wille und Vorstellung´. Da sagt er, Humor und Erotik sind die Gegensätze, der Kontrast. Damit hast du das ganze Leben. Das ist der Stand der Dinge. So ist es auch in meinem Film. Damit will ich nicht sagen, dass ich Schopenhauer bin. Aaaah, very serious interview. Hehehe.” Roberto Benigni hat diesen gewissen Charme, eine Ausstrahlung, die sich von der Filmleinwand herab ohne Umweg über das Wort mitteilt. Der Stoff, aus dem die echten Kinotiere sind. In Down By Law geht es auch um die Möglichkeiten der Verständigung, und Benigni setzt dabei vor allem auf Körpersprache. Und Improvisation. Vieles in dem Film wirkt deshalb so spannend, weil auch die Mitspieler offenbar nicht wissen, was er als nächstes tun wird. Ich möchte wissen, ob er bei seinen Bühnenauftritten vorgefasste Programme spielt oder einfach drauflos improvisiert. “Jahaaa, Improvisation, das ist das beste. Da kannst du an einen sehr hohen Punkt kommen (er zeigt mit der Hand über seinen Kopf), aber auch an einen sehr tiefen (er zeigt unter den Tisch). Wenn du dich vorbereitest, kannst du vielleicht immer gut sein (er zieht eine waagrechte Linie mit der Handfläche knapp über den Tisch), aber mehr nicht. Manchmal schäme ich mich richtig, weil ich so ein niedriger, abscheulicher Kerl bin. Aber man braucht eine gewisse Zeit, um hochzukommen und das Publikum mitzunehmen. Das ist dann auch nicht mehr wiederholbar.” Wieder klopft es an der Tür. Diesmal steht Robby Müller draußen, und wir lassen ihn ein. “Wenn man es mit dem Teufel zu tun hat, spielt auch der Himmel mit”, meint er tiefschürfend und erklärt sein Problem: Es fehlt noch eine einzige Außenaufnahme, und zwar das Bild einer unbewegten Wasserpfütze bei schönem Wetter. Draußen gießt es immer noch in Strömen, und die italienischen Techniker schlugen vor, einfach einen großen Schirm über die Wasserpfütze zu halten. Doch so einfach geht das nicht. Robby erklärt das Problem: “Der Schirm spiegelt sich natürlich auf der Wasseroberfläche. Was wir brauchen ist eine große, durchsichtige Plastikfolie. Und die ist anscheinend nirgends aufzutreiben. Roberto kümmert sich höchstpersönlich um die Angelegenheit. Er geht raus und schickt einen Lieferwagen in die Stadt. Bis der zurückkommt ist Drehpause. Robby regt sich nicht mehr auf. Heute abend ist sowieso Schluss. “Du machst dir keine Vorstellung, wie hier gearbeitet wird. Von den Leuten im Filmteam sind vielleicht fünf Prozent bei der Sache und kümmern sich wirklich um ihre Arbeit. Alle anderen treten nur in Aktion, wenn man ihnen direkt sagt, was sie tun sollen. Das macht die ganze Arbeit so unerfreulich. Aber Roberto kommt damit anscheinend gut zurecht. Schau ihn dir an! Seit sechs Monaten steckt er jetzt in diesem Doppelstress als Regisseur und Hauptdarsteller, und dabei findet er immer noch Zeit, auf der Straße Autogramme zu geben, in den Drehpausen Poker zu spielen und die Crew mit Witzen zu unterhalten.” Dafür lieben sie ihn. Das sieht man schon daran, wie sie ihm auf die Schulter klopfen, wenn er in seinem typischen Gang mit hängenden Schultern angeschlurft kommt, und wie sie spontan Beifall klatschen, wenn er eine Szene zu Ende gespielt hat, so, als sei das Ganze eine Theatervorstellung. Auch die Leidenschaft fürs Glücksspiel fördert seine Popularität. Obwohl er selten groß verliert. Müller: “Vor ein paar Tagen ist er fast abgestürzt, als er bei der letzten Pokerrunde 800.000 Lire verloren hat. Aber da hatte er vorher schon 1,5 Millionen gewonnen.” Robertos Jackett läuft wieder kopflos am Wohnwagenfenster vorbei. Bevor er eintritt, lässt er den Kragen in den Nacken rutschen. Seine langen Haare um die kahle Stelle am Hinterkopf stehen zu Berge. Noch etwas interessiert mich: Wer produziert eigentlich diesen Film? “Eine italienische Firma, Yarno Productions.” Und das ist alles italienisches Geld? Roberto überlegt. “Darüber habe ich nie nachgedacht,” sagt er und überlegt nochmal. Nach einer Pause entscheidet er: “Ich will auch nicht darüber nachdenken.” Die Plastikplane ist eingetroffen, die Schönwetterpfütze für den Film ist abgedreht. Der echte Regen hält immer noch an. Kurz vor acht haben sich alle mit Küsschen, Küsschen verabschiedet. Sechs Monate waren sie zusammen, wer weiß, wann man das nächste Mal gemeinsam arbeitet. Massimo, der Aufnahmeleiter (Spitzname: Quiet!) dreht in zwei Wochen mit Peter Del Monte. Robby Müller fliegt nach Cannes, um seinen Platz in der Jury der Filmfestspiele einzunehmen. Dafür hat er sich in Rom den ersten Maßanzug seines Lebens schneidern lassen. Loretta, die Kostümfrau, macht erst einmal Urlaub bei ihrer Familie in Neapel. Und Roberto Benigni lässt sich vom Produktionschauffeur im Mercedes nach Hause fahren. “Komm mit”, fordert mich Roberto auf, “dann können wir weiterreden.” Er hält mir das Autotelefon hin: “Siehst du, sehr wichtiges Auto. Für wichtige Leute, die immerzu telefonieren müssen. Ruf doch mal deinen Verleger an!” Was macht Roberto als nächstes? “Ich fahre zu meinen Eltern nach Prato, bei Florenz. Da fahre ich fast jedes Wochenende hin.” Aha, die typisch italienische Familie? “Ja. Nein. Ich weiß nicht, ob meine Familie typisch ist. Ich spreche da nicht gern drüber, aber meine Familie war sehr arm. Arm im epischen Sinn. Ich meine, wir hatten kein Wasser. Heute reden sie den ganzen Tag über Sex.” Er dreht sich auf dem Vordersitz um und schaut mir in die Augen. “Jetzt glaubst du, ich will dich verkohlen, aber es ist die Wahrheit. Wenn du zu meiner Familie kommst, fangen meine Eltern als erstes vom Sex an. Ob du am Abend vorher gefickt hast, wie oft ich es gemacht habe, wie oft es die Römer machen, was da so passiert in der Großstadt. Sie wollen alles über Sex wissen.” Na, da scheint ja Sex sehr wichtig zu sein in deiner Familie. Und für dich? “Ja, schon, ja, weil ... hahahahaha.” Nur nicht soviel drüber reden, damit das Geheimnisvolle erhalten bleibt? “Jahaha.” Er lacht weiter, haut dem Fahrer seine Hand auf die Schulter. Dann wird er wieder ernst. Wir stecken im Freitagabendverkehr auf der Via Appia Antica. An einer Abzweigung deutet er vage die Straße hinunter: “Da hinten wohnen alle reichen Produzenten und Regisseure, weil die Häuser so teuer sind.” Und du, wirst du auch dort wohnen, wenn du das Geld dazu hast? “Niemals. Es ist eine grauenhafte Gegend.” Wir kommen nur langsam voran, Zeit für letzte philosophische Fragen. Roberto, was läuft eigentlich falsch auf der Welt? “Ich habe die Antwort einmal gewusst, aber jetzt habe ich sie vergessen. Weißt du, Augustinus hätte gesagt: Wenn du mich nicht fragst, dann weiß ich es, wenn du mich fragst, weiß ich es nicht.” Und wenn ich dich nicht frage? “Nun, das Schlimmste ist ... sind die Kaffemaschinen. Früher gab es viel bessere, da hat der Kaffee auch besser geschmeckt. Aber das ist ein italienisches Problem. In Amerika ist es die Jukebox. Du erinnerst dich an die alte Wurlitzer-Musikbox? Jetzt haben sie welche, die sind architektonisch sehr schlecht, richtig geschmacklos. They are fucked without the right kind of jukebox.” Er lacht wieder und kann sich lange nicht beruhigen. Ein Lächeln bleibt wie eingefroren auf seinem Gesicht stehen, der Mund halb offen, die Lippen über die Zähne hochgezogen. Er scheint in Gedanken versunken. Plötzlich dreht er sich wieder nach hinten zum Rücksitz: “Weißt du eigentlich, dass ich mich einmal im Fernsehen ausgezogen habe?” Ich wusste es nicht. “Das hat mir ein Verfahren eingebracht. Beim Fernsehen gibt es immer Probleme. Einmal habe ich was zum Thema Papst gesagt, weil der etwas gegen Sex gepredigt hat, und ich war damit nicht einverstanden. Niemand war damit einverstanden. Ich glaube, Gott wäre auch nicht einverstanden gewesen in diesem Fall. Ich habe es sehr nett gesagt, denn der Papst kann ja nichts dafür. Ist ja nicht sein Fehler. Aber dann gab es einen großen Prozess und ich musste Strafe zahlen. Einmal habe ich aus dem Gargantua von Rabelais die Hymne an die Scheiße gesungen. Von meinen Auftritten weiß ich, dass die Kinder das sehr mögen. Hymne an die Scheiße. Eine Ballade zur Gitarre. Das habe ich live gesungen, und da haben die vielleicht reagiert! Natürlich ist das politisch, aber es ist auch sehr schön, alle Kinder im Theater lieben es. Und schon hatte ich den nächsten Prozess am Hals. Auch das hat mich viel Geld gekostet. Jetzt laden sie mich trotzdem wieder ein, weil ich berühmt bin. Aber meistens gehe ich nicht hin. Sie wollen immer im voraus wissen, was ich sagen werde, und ich weiß es doch selbst nicht, ich sage, was ich will, wenn es live ist. Aber inzwischen lege ich auch nicht mehr soviel Wert auf Skandale. Es war zum Teil ziemlich übel, was ich da gemacht habe. Hehehe. Außerdem lese ich lieber.” Was für Schriftsteller liest du denn? “Am liebsten mag ich die Schriftsteller ... die gut schreiben. Literatur ist meine liebste Kunst. Man hat mich schon gefragt, ob ich ein Buch schreiben will, aber dazu habe ich zu großen Respekt vor der Literatur. Da müsste ich mich schämen. In Nordeuropa mag ich Knut Hamsun sehr. In Deutschland Angelus Silesius. Den kenne ich zwar nur in Übersetzungen, aber er hat den schönsten Namen ... Angelus Silesius. Sein Name ist schon ein Gedicht. Angelus Silesius. Und sonst mag ich vor allem phantastische Schriftsteller, Stevenson, Joseph Conrad, Abenteuer, wie Ariosto. Ich mag es, wenn ein Mysterium dabei ist. Deshalb kann ich auch die französischen Surrealisten nicht ausstehen. Wenn etwas schon surrealistisch heißt, weshalb soll ich es dann noch lesen? Für mich ist das erledigt. Ich bin ein Surrealist, das muss man doch nicht extra sagen! Von Breton habe ich was gelesen, aber ich wusste schon vorher, dass das nichts taugt. Breton ist kein guter Schriftsteller. Der einzige Surrealist ist Luis Bunuel. Er ist der religiöseste unter den Regisseuren. Und wenn man so religiös ist, kann man auch Surrealist sein und gut sein. Das klingt vielleicht hart, aber so sehe ich das.” Der Produktionsmercedes fährt jetzt durch Straßen mit verwinkelten, zwei- bis dreistöckigen Wohnhäusern, alle von Gartenmauern oder Eisenzäunen umgeben, Bäume im Vorgarten und solide Tore mit Sprechanlage und gelegentlichen Videokameras zur Überwachung des Eingangs. Wir biegen in eine steil ansteigende Nebenstraße ein und halten vor dem Haus mit der Nummer 9. Roberto reicht mir die Hand nach hinten. “Ich würde gern mal nach Deutschland kommen und dort auftreten. Ich glaube, ich würde mich sehr amüsieren.” Doch erst einmal ruft der große Federico Fellini: Im nächsten Werk des Meisters - die Dreharbeiten beginnen Anfang Dezember - spielt Roberto die Hauptrolle. (Es war La voce de la luna, Fellinis letzter Film. Anm. d. Autors, 1994.) Sag mal, Roberto, willst du eigentlich mit deiner Arbeit die Leute beeinflussen, sie mitnehmen, ihnen etwas zeigen? “Ja, sicher." Er hält weiter meine Hand fest. Willst du dabei Macht ausüben? “Nein, Macht und Humor vertragen sich nicht. Macht ist das Langweiligste überhaupt, das weiß jeder, am langweiligsten mit Worten und mit dem Körper. Der Anblick der Körper, und was herauskommt aus ihnen, langweilt einfach.” Du sprichst jetzt von politischer Macht? “Ja, politische Macht — und Macht im allgemeinen — ist immer sehr langweilig. Aber es gibt auch so etwas wie Pseudomacht (fake power). Einige sehr gute Komiker wie Groucho Marx haben Pseudomacht, keine echte Macht.” Willst du dein Publikum bessern? “Was??? Aber nein!!! Das ist ja furchtbar, daran auch nur zu denken. Haha, daran habe ich nie gedacht. Was war die Frage?” Ob du die Leute zum Besseren beeinflussen willst? “Unmöglich, furchtbar. Was für eine Idee! Wenn wir damit anfangen, sind wir tot, verloren. Das ist, glaube ich, die vulgärste Vorstellung, die sich ein Mensch ausdenken kann. Zu versuchen, andere Leute zu bessern! Das ist kriminell!!!” Also versuchst du, zu unterhalten? “Ja. Und ich will mich selbst amüsieren. Das ist schwer genug.” Jetzt dreht er sich ganz um, kniet auf dem Vordersitz, zieht meine Hand nach vorne, und küsst mich auf beide Wangen. “Komm wieder,” sagt er, “ich mache dich berühmt in Italien.” Dann steigt er aus. Wir fahren los, und Roberto steht am Bordstein und winkt mit der rechten Hand. Die linke hält er hinterm Rücken, genau wie in seiner letzten Einstellung im Film Down By Law. Fehlt nur Nicoletta neben ihm. Ich höre wie er mir nachruft: “Wish you were here.” Aber wahrscheinlich habe ich es mir nur eingebildet. Das war nämlich sein letzter Satz im Film.
(Und was meinen Sie zu Roberto Benigni? Hier klicken für Ihren Kommentar.)
Hans Pfitzinger Wellness mit Jean Paul oder Die Hufeisenberge als Ausgangspunkt der Phantasie
Zitat, statt einer Vorrede
"Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Frühlingsnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell - der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir - Nachtviolen unter dir - einige Nachtgedanken in dir - und nicht mehr Gewölk, als zu einem Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen, als etwa ein Regenbogen im Mondschein braucht! Hof im Vogtland, den 22. August 1796."
Einführung oder Warum kein Mensch mehr Jean Paul lesen will
Mit dem obigen Zitat endet "Die Geschichte meiner Vorrede" zu Jean Pauls Roman "Quintus Fixlein". Vor Kurzem habe ich diese Zeilen dem Freund Konrad nach Berlin ge-e-mailt (oder sagt man "elektronisch gebrieft"?). Konrad bedankte sich herzlich dafür und versicherte, er lese den fränkischen Meister immer noch und wieder mit wachsendem Vergnügen, und fragte zurück: "Nur - wer kann das heute noch lesen?" Ich weiß es nicht, nur stelle ich immer wieder fest, dass es nicht Viele sind, die ich mit meiner Begeisterung für Jean Paul anstecken kann. Klar, der wirkt anfangs sperrig, eigensinnig, merkwürdig, anders, erfordert die ganze Aufmerksamkeit beim Lesen. Dabei kann ich jedem, der's gar nicht hören will, nur raten, es zu tun. Und sich nicht daran zu stören, dass uns nun mal 200 Jahre von ihm trennen und so manche Anspielung unverständlich bleibt. Macht doch nichts! Auch wenn Sie nur die Hälfte kapieren, bietet Jean Paul immer noch mehr Vergnügen beim Lesen als die meisten seiner Zeitgenossen, Goethe und Schiller inklusive, und für mich persönlich gibt es nur wenige Schriftsteller, die vor ihm oder seither in seine Nähe, oder, vielleicht besser, auf seine Höhe gelangt sind: Jean Paul ist wohl der verspielteste unter den großen Weisen dieser Welt. Sein Spielzeug: Die deutsche Sprache, der Idealismus seiner Zeitgenossen, und die Erwartungshaltung eines Lesepublikums, das am liebsten das Leichtgängige, Bekannte verschlingt.
Den eigenen Weg gehen - was soll man denn sonst machen
Dabei war Johann Paul Friedrich Richter, so sein Geburtsname, schon zu Lebzeiten unbequem und höchst umstritten. Die Auflagen seiner Frühwerke "Die unsichtbare Loge" und "Hesperus oder 45 Hundposttage", mit denen er sich in die Herzen der belesenen Frauen (auch damals das hauptsächliche Publikum) geschrieben hatte, erreichte er nie wieder. Auch wenn er mit den Tantiemen seiner frühen "Bestseller" Frau und drei Kinder ernähren und zum ersten Berufsschriftsteller Deutschlands werden konnte, schüttelten schon die Zeitgenossen über die späteren Werke bedenklich die Köpfe: keine formelle Disziplin. Wo sollte man so etwas einordnen, das kam daher wie ein Sturzbach, der in einen ruhigen Strom mündet, der gleich darauf von einem Orkan aufgewühlt wird, um hinter der nächsten Biegung in einer idyllischen Landschaft zu fließen, bevor eine Volte im Denken des Autors dem Leser einen Knoten im Bewusstsein löst. Für so etwas fehlten (und fehlen bis heute) einfach die Schubladen. Umso eigensinniger bestand Jean Paul darauf, seiner überbordenden Phantasie keine Zügel anzulegen: Er suchte mit aller Kraft nach der Form, die literarisch dem Grenzenlosen entsprechen könnte. Er wollte "knechtische Maschinen zu freien Geistern machen und dadurch ihre Schöpf-, Herrsch- und Schaffkraft" zeigen, schrieb er in der "Selberlebensbeschreibung". Zu einer Zeit, als sich tatsächlich noch einzelne Menschen das gesamte veröffentlichte Wissen aneignen konnten, gehörte er zu den letzten Geistesgrößen mit Universalbildung. Schreiben kam bei ihm vom Lesen, vom Vergnügen, mit dem er alles verschlang, was in Büchern gedruckt vorlag - und was er bereitwillig, ohne Eitelkeit, an die Leser weitergab. Seine literarischen Helden hießen Jonathan Swift und Laurence Sterne, sein Vorbild unter den Zeitgenossen war der 19 Jahre ältere Johann Gottfried Herder. Höchstes Ziel von Jean Paul: Stil und Inhalt zur Einheit verweben. Wer das Leben nicht nur abbilden, sondern auch noch schreibend erhöhen will, muss sich dem freien Spiel des Geistes hingeben - und der zeigt sich in skurrilen Typen und eigensinnigen Einzelgängern, in Dörfern und kleinen Städten, wie Jean Paul sie kannte und liebte: Joditz im Auenthal, Schwarzenbach an der Saale ("der Fluss ist dass Schönste, wenigstens das Längste von Joditz"), Hof ("wo ich das Schlimmste erlebt und das Beste geschrieben habe"), Töpen, wo er zwei Jahre als Hauslehrer arbeitete (der Ort markierte bis 1990 den berüchtigten Übergang an der "Zonenautobahn" Richtung Berlin). Schließlich zog er in das geliebte Bayreuth, wo er die letzten 21 Jahre seines Lebens zubrachte. Nie wird die Großstadt, obwohl Jean Paul sie kannte, zum Hintergrund eines Romans. Weimar, Leipzig, Berlin, Coburg waren nur Stationen der Studienjahre, Heimat war ihm zeitlebens das heutige Oberfranken.
Lieber noch eine Vorrede. Und Kapitel bloß nicht Kapitel nennen, lieber "Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern" (in "Flegeljahre") oder "Ernste Ausschweife für Leserinnen" (in "Der Komet")
Falls Sie Jean Paul noch nicht kennen, empfehle ich "Dr. Katzenbergers Badereise" und "Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz". Beide sind kurz und amüsant und zeigen den liebevoll-komischen Blick, mit dem Jean Paul die menschlichen Schwächen vorführt. Dahinter steckt zudem viel Selbstironie. Und Lust am Provozieren. Allein Jean Pauls Besessenheit mit Vorreden und ausgefallenen Kapitelbezeichnungen bringt mich jedes Mal zum Schmunzeln. Den "Titan" unterteilt er in vier Bände, diese in "Jobelperioden" (mit kleinen Inhaltsangaben), die wiederum in "Zykeln". Die Vorrede heißt hier "Der Traum der Wahrheit". Nach 820 Seiten beginnt "Komischer Anhang zum Titan". Dessen "Erstes Bändchen", unterteilt Jean Paul in die Tage des Januar. Unter der Überschrift "31. Jenner." hat er für den Leser noch etwas aufgespart: Nach 900 Seiten, im "Anhang", steht endlich die "Vorrede zum Titan". Das "Zweite Bändchen" enthält "Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch" und ist, wie sollte es anders sein, in 14 "Fahrten" unterteilt. Auf ihnen hält Jean Paul seiner in Kleinfürstenthmer unterteilten Nation einen kaum verzerrten politischen Spiegel vor. Das ist so komisch realistisch und gar nicht zynisch, dass man vor atemloser Spannung kaum zum Lachen kommt. Der vollständige Titel des anfangs erwähnten Buches lautet: "Leben des Quintus Fixlein aus funfzehn Zettelkästen gezogen; nebst einem Mußteil und einigen Jus de tablette." Letzteres sind Fleischbrühwürfel. Danach folgt: " - Billett an meine Freunde, anstatt der Vorrede - Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein - Die Mondfinsternis I. Mußteil für Mädchen 1. Der Tod eines Engels 2. Der Mond. Phantasierende Geschichte". Damit ist das Werk, in der Gesamtausgabe, auf engbedruckte 65 Seiten angewachsen, und geht dann eigentlich erst los mit: "II. Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten". Das ist wiederum unterteilt in "14 Zettelkästen" und ein "Letztes Kapitel". Ach, man muss ihn einfach lieben, den Jean Paul. Das sagen sich auch die wackeren Oberfranken, die heute Jean Pauls Heimatlandschaft bewohnen und auf Mittel sinnen, Touristen in ihr - auf der Landkarte und von oben gesehen - hufeisenförmiges Fichtelgebirge zu locken.
Jean-Paul-Schmankerl im Jean-Paul-Café, ganzjährig
Weil im Jahr 2000 eine Jubiläumsanzahl von Jahren seit dem Tod des Autors (1825) verstrichen ist, stellte die Kulturabteilung im Fremdenverkehrsverein eine kenntnisreiche, zu allem gberfluß auch noch allgemein verständliche Einführung ins Werk von Jean Paul zu einer Broschüre zusammen, die für Wandern, Radeln und Wellness auf den Spuren des Meisters wirbt. Das Kulturprogramm fing schon am 21. März an, dem Geburtstag (1763), und endet am 14. November, dem Todestag. Dazwischen gibt es Lesungen (unter anderem die "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei", die sich als das "Erste Blumenstück" im "Siebenkäs" verbirgt), Führungen an diverse, mit Jean Paul verbundene Örtlichkeiten (das Museum und den Grabstein in Bayreuth zum Beispiel, dortselbst eine Tagung der "Jean-Paul- Gesellschaft", das Denkmal in Wunsiedel). Wer an Reinkarnation glaubt, wird sich nicht wundern über den "Wandervorschlag: Eine Woche mit Jean Paul durch das Fichtelgebirge". Für den großen Hunger gibt es dann das "Große Jean-Paul-Gedenkmenü - Schlemmen wie zu des Dichters Zeiten, ganzjährig" im Braunbierhaus Bayreuth (0921-69677). Für den kleinen Appetit empfohlen werden die "Jean-Paul-Schmankerl" im Jean-Paul-Café in Hof, ebenfalls "ganzjährig" (09281-14 14 55). All diese Aktivitäten, so finde ich, müssen entschieden unterstützt werden. Denn womöglich schlüpft ja am Ende eines frohen Wandertages eine neugierige junge Dame oder ein ebensolcher Herr unters daunengefüllte Gasthausoberbett und fängt an, vor dem Einschlafen tatsächlich Jean Paul zu lesen. Ich bin fest davon überzeugt: Dadurch wird die Welt besser. Zwergschüler
Weshalb dieses wunderliche Exemplar der Gattung Mensch ausgerechnet der fränkischen Provinz entstammt, darüber möchte ich nicht spekulieren. In Schwarzenbach, wo er auch noch Hebräisch lernte, gab es nur eine Klasse in der "Schularche": "Abc-Schützen, Buchstabierer, Lateiner, große und kleine Mädchen." Tatsache ist: Eines der größten Genies der deutschen Sprache ging auf eine kleinstädtische Zwergschule. Wunsiedel, den Geburtsort, verließ er schon mit zwei Jahren: Der Vater, Geistlicher (und Beichtvater des Landesfürsten), wurde nach Joditz versetzt, und dort lernte "Paul", wie sich der Dichter in seiner Autobiographie nennt, die kleine Welt von Pfarrhaus und Dorf kennen - und die große Welt abendländischer Bildung, mit Latein und Griechisch. Zusammen mit dem Bruder wurde Paul zunächst vom Vater unterrichtet, wobei er sich in der "Selberlebensbeschreibung" - so heißt bei ihm nun mal eine Autobiographie - beklagt, der Vater hätte weniger Wert darauf gelegt, denken zu lehren als auswendig lernenÜber den engen Dorfhorizont schaute Paul erst, als der Vater einmal "nach Zedwitz ging, um sich dem regierenden Hause vorstellen zu lassen." Paul durfte mitkommen. Nach der Audienz bei der Freiin von Bodenhausen konnte der Junge "wieder herumlaufen. Und dies tat er im prächtigen Garten." Dort bewunderte das "darbende Dorfkind, dessen Herz so gern sich füllen, ja nur sehnen wollte an der Außenwelt", "mit gepresster und mit gefüllter Brust die Laubengänge, die Springbrunnen, die Mistbeete, die Baumaltane." Und wo heute Wanderwege den Touristen anlocken, ging "Paul mit einem passenden Quersack auf dem Rücken" von Joditz aus allein "nach der Stadt Hof zu den Großeltern (...) um Fleisch und Kaffee und alles zu holen, was im Dorfe entweder gar nicht zu haben war, oder doch nicht um den äußerst geringen Stadtpreis. (...) Der zweistündige Weg führte über gewöhnliche reizlose Gegenden, durch einen Wald, und darin über einen brausenden Fluss voll Felsstücke, bis endlich auf einer Felderhöhe die Stadt mit zwei Brudertürmen und mit der Saale in der Talebene den begnügsamen kleinen Träger übermäßig überschüttete und ausfüllte." (I/6/S.1076) "Gewöhnliche reizlose Gegenden" - hoffentlich nimmt ihm das keiner der dort heute Ansässigen übel, denn als Werbespruch, um Touristen ins Fichtelgebirge zu locken, lässt sich das Zitat schlecht gebrauchen. Weshalb die unterm Hufeisen vereinigten Fremdenverkehrsverbände in Jean Pauls Heimat auch darauf verzichtet haben.
Der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte
Wer weiterliest in der "Selberlebensbeschreibung", findet dann aber schnell gute Gründe, auf den Spuren des jungen Dichters zu wandern, denn in dieser Gegend hatte er nichts weniger als eine Erleuchtung - wie sonst soll man benennen, was dem Jungen auf dem Heimweg von Hof passiert ist? "Noch erinnert er sich eines Sommertages, wo ihn, da er auf der Rückkehr gegen zwei Uhr die sonnigen beglänzten Anhöhen und die ziehenden Wogen auf den Ährenfeldern und die Laufschatten der Wolken überblickte, ein noch unerlebtes gegenstandsloses Sehnen überfiel, das fast aus lauter Pein und wenig Lust gemischt und ein Wünschen ohne Erinnern war. Ach es war der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte, die noch unbezeichnet und farbelos im tiefen weiten Dunkel des Herzens lagen und welche sich unter den einfallenden Sonnenstreifen flüchtig erleuchteten. Es gibt eine Zeit der Sehnsucht, wo ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt und sie nur sich selber zu nennen vermag. Auch noch später hat weniger der Mondschein, dessen Silberseen das Herz nur sanft in sich zerlassen und so aufgelöst ins Unendliche treiben und führen, als auf einer weiten Gegend der Nachmittagsschein der Sonne diese Macht einer peinlich sich ausdehnenden Sehnsucht behauptet; und in den Werken Pauls ist sie einige Male geschildert und mitgeteilt."
Falsches Deutsch schrieb Jean Paul nie, nur merkwürdiges
Bei mir hat diese Liebe zu Jean Paul angefangen mit einem winzigdünnen Reclam-Bändchen und einem merkwürdigen Namen: Wutz. So hieß auch das Schwein zu Jean Pauls Zeiten, und wer eins hatte, war reich. Doch hier ging es um das "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle", so lautete der ganze Titel. Bernd, Studienfreund an der Münchner Uni, heute Professor für Pädagogik, hatte es mir in die Hand gedrückt: "Kennste nicht? Musste lesen." Das tat ich dann auch, und habe fast ein Jahr dafhr gebraucht. Selten kam ich über eine Seite hinaus, dann legte ich das Heftchen weg und brauchte oft Wochen, bis ich wieder die Stimmung in mir fand, um weiterzulesen. Vieles kam mir fremd vor, bei vielen Sätzen fing ich noch einmal von vorne an, weil das ja ganz offenbar falsches Deutsch war. Doch beim zweiten, oft auch dritten Lesen, stellte ich fest: Falsches Deutsch schrieb Jean Paul nie, nur merkwürdiges. Und oft musste ich schmunzeln, kichern, lachen bei der Lektüre - nie vorher (und auch nach Jean Paul nie wieder) hat mich ein Autor mit einem Humor eingesponnen, in dem gleichzeitig solch tiefe/hohe Menschlichkeit und heitere Weltweisheit eingebunden war, versetzt mit kleinen Dosen sarkastischer Zeitkritik, die nie bösartig daherkam. Wie gesagt, langsam ging's voran, und als ich mit dem "Schulmeisterlein Wutz" zu Ende war, fing ich von vorne an - wie ein Hund, der einen Lieblingsknochen wieder ausbuddelt, wie ein Kind, das nach einer Gute-Nacht-Geschichte "no' mal" bettelt. Beim zweiten Durchlauf wäre es vermutlich etwas schneller gegangen, aber ein seltsames Verhalten drängte sich mir auf: Ich nahm wieder nur kleine Happen. Jean Paul lesen wurde zur Feier ganz besonderer Augenblicke, seltener Stunden der Ruhe und Ausgeglichenheit, und die waren wohl nicht so zahlreich in meinem Studentenleben, damals. Lange hat es dann gedauert, bis ich auf die Idee kam, nach anderen Delikatessen dieses Autors zu schnüffeln, und ich wurde beim Insel-Verlag fündig: "Flegeljahre" stand da im Regal bei Hueber hinter der Uni. Meine Güte, war das ein dicker Schinken, verglichen mit dem "Wutz". Und doch konnte ich nicht widerstehen. Drei bis vier Jahre habe ich daran gelesen und gestaunt. Am Ende des Buches war mir ganz schwindlig von dieser Schizo-Aufspaltung in zwei Personen, von diesem gbermaß an gesundem Menschenverstand, gepaart mit ungebändigter Phantasie, unglaublichen Naturbeschreibungen und geradezu aberwitzigen Handlungskehren. Ich fühlte mich wie nach einem gewaltigen Gewittersturm, oder einer langen Reise, oder einer sportlichen Ausdauerübung, und fing nicht gleich wieder von vorne an, sondern ging und kaufte das Buch mit dem Namen "Siebenkäs" und konnte es nicht fassen: Ein Eheroman im Milieu der sogenannten "kleinen Leute", der erste in der deutschen Literatur, mit so viel Liebe und einfühlsamer Psychologie geschrieben, 100 Jahre vor Freud und diesem weit überlegen, und zu einer Zeit, in der niemand in der Literatur auch nur Notiz nahm von Menschen, die nicht dem Adel angehörten. Goethe, die lebende Legende unter Jean Pauls Zeitgenossen, machte da keine Ausnahme, wenn er sich in den "Wahlverwandtschaften" um die Eheprobleme reicher, adliger Grundbesitzer sorgt. Vollständiger Titel meines zweiten Jean-Paul-Romans: "Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs". Wie, dachte ich, hat er da was verwechselt im Titel, in der Reihenfolge was durcheinander gebracht? Ich kann es Ihnen verraten: Nee, hat er nicht. Übrigens: Mit ganzem Namen heißt er Firmian Stanislaus Siebenkäs und wohnt im "Reichsmarktflecken" Kuhschnappel.
Dämmerungen für Deutschland
Irgendwann hörte ich dann von einem "Sachbuch", das Jean Paul geschrieben haben sollte, die "Vorschule der Ästhetik". Im Buchladen: Gibt's nicht. Im Antiquariat: Gibt's nicht. Und wenn es sie gäbe, dann nicht unter 800 Mark, sagte mir ein bleicher Buchbinder, der nebenher mit Erstausgaben handelt. Schließlich kam vor vier Jahren die Gesamtausgabe von Hanser beim 2001-Versand heraus für, wie es dort immer heißt, "nur" 200 Mark, und da musste ja die "Vorschule" mit dabei sein. Trotz meiner Abneigung gegen solche Pakete-Gigantomanie klemmte ich eines Tages in der Münchener Türkenstraße zehn dicke Bände im Karton auf den Gepäckträger meines Fahrrades - an die 12.000 Seiten, Jean Paul für den Rest meines Lebens. So Vieles, worauf ich mich freute und, weil gerade erst auf Seite 397 im "Titan", immer noch freue (da warten "Biographische Belustigungen", "Dämmerungen für Deutschland", "Politische Fastenpredigten", da warten "Hesperus" und "Der Komet", und es warten die beiden Abhandlungen "Über die Unsterblichkeit der Seele"). Als Jean Paul 59 Jahre alt war, stellte er ein Verzeichnis seiner Werke auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er 59 Buchveröffentlichungen in die Welt gesetzt. All das und den Rest (Jean Paul starb in Bayreuth mit 62 Jahren) enthält die Gesamtausgabe. Das Register im letzten Band umfasst 40 Seiten. Schon allein vom Umfang her gesehen: Was für ein Lebenswerk! Und alles mit dem Federkiel geschrieben.
Die Tourist-Information Fichtelgebirge verschickt kostenlos drei Broschüren zum Jean-Paul- Jahr, dazu ein Hotel- und Pensionsverzeichnis. E-Mail: Tourist.Info.FichtelgebirgeäT-Online.de Tel. 09272-6255, Fax: 6454. Anschrift: Postfach, D-95686 Fichtelberg. Im Internet: www.fichtelgebirge.de www.bayreuth.de www.btl.de/bayreuth (E-Mail: tourismusäbayreuth.btl.de) Täglich neu: Ein Zitat von Jean Paul auf der Homepage der Stadt Hof (www.hof.bay.net.de/~stadt_hof)
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Glücksfall Marilyn
von Hans Pfitzinger
Alle Mädchen sind dein oder: Der Mensch als Playboy
Aufatmend erinnerte ich mich jener Inschrift, der ich vorher, beim Beginn des Theaters, jenen hübschen Jüngling so stürmisch hatte folgen sehen, der Inschrift: «Alle Mädchen sind dein», und es schien mir, alles in allem, doch eigentlich nichts anderes so begehrenswert wie dieses.
Hermann Hesse, Der Steppenwolf
Ausgerechnet Chicago Paris wäre als Ort sehr viel wahrscheinlicher gewesen, Hollywood hätte auch niemanden überrascht. Aber dann passierte es ausgerechnet in Chicago, einer Stadt, die doch eher für ihre Schlachthöfe und die Industrie, als Handelsplatz und Börsenstandort bekannt war. Und als größte katholische Erzdiözese der Welt. Der Grund, weshalb der Playboy ausgerechnet von Chicago aus seinen Siegeszug antrat, war einfach: Hier wurde Hugh Hefner geboren, hier ging er zur Schule und zur Uni, und hier sammelte er erste journalistische Erfahrungen als Mitarbeiter der Studentenzeitung. Das Gründungsjahr des Playboy war 1953. Eine der vielen Legenden um Hefner, gewissermaßen der Schöpfungsmythos des Playboy, erzählt die Geschichte so: Hefner arbeitete fest angestellt in der Werbeabteilung der Männerzeitschrift Esquire und pflegte sein Talent als Zeichner von Cartoons. Irgendwann wollte er eine Gehaltserhöhung von fünf Dollar. Die wurde ihm nicht bewilligt. Hefner kündigte und beschloß, ein eigenes Magazin herauszubringen, mit ähnlichen Themen wie Esquire, nur weniger prüde.
Ein Glücksfall namens Marilyn Im Spätsommer 1953 kam die neue Zeitschrift auf den Markt, ohne Monats- und Jahresangabe auf dem Titelblatt, denn, so Hefner: «Ich wußte ja nicht einmal, ob es je eine zweite Ausgabe geben würde.» Die Skepsis erwies sich als völlig unbegründet — sex sells: Das erste Heft ging weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, 50.000 Exemplare zum Preis von 50 Cents wurden verkauft. Hauptgrund: Marilyn Monroe. Die Schauspielerin war gerade mit dem Film Niagara einem großen Publikum in den USA bekannt geworden, und Hefners Witterung für die Sensation hatte ihn nicht getrogen. Von John Baumgarth, einem Hersteller von Pin-up-Kalendern in Chicago, hatte er für 300 Dollar die Rechte an Farbphotos gekauft, die 1951 erstmals erschienen waren. Sie zeigten Marilyn im Alter von 19 Jahren, vor Beginn ihrer Schauspielkarriere, im Studio des Fotografen Tom Kelley in Los Angeles. Das ausgewählte Photo von Marilyn nahm eine Heftseite ein — und das war's auch schon: ein einziges Aktfoto im ganzen Heft! In der ersten Ausgabe des Playboy hieß das noch Sweetheart of the Month. Marilyn posiert vor rotem Samthintergrund, auf dem Boden sitzend, die Beine angezogen, den rechten Arm hoch gereckt, die Hand im Nacken, mit der linken stützt sie sich auf. Sie hat nichts an als das Rot des Lippenstifts («und Chanel Nummer fünf», wie sie später sagte). Das Photo sollte zum bekanntesten Pin-up der Welt werden. Zusätzlich plazierte Hefner ein Marilyn-Photo auf dem Titel, im ärmellosen Kleid mit Ausschnitt bis zum Bauch, fröhlich in die Kamera winkend. Der Playboy war auf dem Weg.
Hugh Hefner — ein Mann lebt seinen Traum 20 Jahre nach der ersten Ausgabe des Playboy, die Hugh Hefner (hier 2006 in München, Photographie: Alexander Hauk, lizensiert für Wikipedia) 1953 im Wohnzimmer seines Apartments zusammengestellt hatte, residierte er in einem Hochhaus in Chicago, dem früheren Palmolive Building. Vom obersten Stockwerk leuchtete der Schriftzug PLAYBOY weit ins Land, jeder Buchstabe zwei Meter 70 hoch. Der US-Playboy hatte bereits Ende der fünfziger Jahre die magische Millionenauflage überschritten und sich als Marktführer unter den Männermagazinen etabliert. Sogar dem ursprünglichen Vorbild Esquire hatte er den Rang abgelaufen. Hefners Playboy-Clubs in Chicago, Miami, New Orleans und London meldeten 1961 die stolze Zahl von 120.000 Mitgliedern, die von ‹Bunnies› mit hochhackigen Pumps an den Füßen und Häschenohren auf dem Kopf bedient wurden. Den Rest der Berufskleidung, schulterfreie Korsagen, die Badeanzügen ähnelten und die Brüste nach oben drückten, hatte Hefner angeblich selbst entworfen (prominentestes Ex-Häschen: die damals noch dunkelhaarige Debbie Harry, später Sängerin der Band Blondie). Playboy-Freizeitanlagen für Wochenend- und Urlaubsaufenthalte gab es in Ocho Rios auf Jamaika, am Lake Wisconsin in Michigan und, für den Wintersport, in Great George (New Jersey). Hefner präsentierte mit Playboy After Hours bereits die zweite Fernsehshow als Moderator (schon 1959 war er mit Playboy's Penthouse wöchentlich im Fernsehen). 1969 ließ sich der Playboy-Chef dann sein eigenes Passagierflugzeug bauen, Big Bunny genannt, eine DC 9 in Stretch-Version, 5,5 Millionen Dollar teuer, 36 Meter lang, völlig schwarz bemalt, mit dem Hasenlogo auf der Heckflosse und einem geräumigen, ovalen Bett im Inneren.
Ausgerechnet München In Deutschland kam ein — na ja, sagen wir mal zwielichtiger — Illustriertenmacher auf die Idee, sich die Lizenz für die erste Auslandsausgabe des US-Magazins zu besorgen. Heinz van Nouhuys (gesprochen Nauhois), Angestellter des Heinrich Bauer-Verlags und Chefredakteur der — na ja, sagen wir mal teilseriösen — Illustrierten Quick, witterte das große Geschäft und die Chance für eine deutsche Playboy-Ausgabe. Der Illustriertenmacher, ein charmanter Hochstapler, unterhaltsamer Partylöwe, nie um eine Anekdote verlegen, wollte das Objekt für Bauer nach Deutschland holen.
München paßte, kein Zweifel. Eine große katholische Diözese hatte es auch. «In Hamburg», so Nouhuys, «machen sie Zeitschriften, um die Welt zu verändern. In München machen sie Zeitschriften, um die Welt zu genießen.» Doch Hefner zögerte. Sei es, daß ihm der Bauer Verlag zutiefst suspekt war, der seinen enormen Umsatz hauptsächlich mit unsäglichen Billigblättern im Bereich der Regenbogenpresse (und dem Teenie-Magazin Bravo) einfuhr, sei es, daß Hefner ungern die Kontrolle über sein Produkt aus der Hand geben wollte — die Verhandlungen mit den Deutschen kamen nicht voran.
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft Heinz van Nouhuys erzählt die Geschichte von Hefners Meinungsumschwung so, als sei er selbst der ausschlaggebende Faktor für die Vergabe der deutschen Lizenz gewesen. Bei einem Treffen in Chicago erinnerte ihn Hefner daran, daß er Anfragen für eine deutsche Ausgabe schon mehrfach abgelehnt habe.
Nouhuys: «Ich sagte: ‹Stimmt es, daß Sie keinen deutschen Playboy wollen, weil Sie überhaupt keinen Playboy in einer Sprache wollen, die Sie nicht perfekt beherrschen?› Darauf Hefner: ‹Sie haben es begriffen — was wollen Sie dann hier?› Ich spielte Gleichmut und sagte in beiläufigem Ton: ‹Dann verstehe ich nicht, wieso es einen Playboy in Englisch gibt.›» Angeblich überlegte Hefner kurz, lachte schließlich lauthals, haute Nouhuys begeistert auf die Schulter und sagte dann: «You're my kind of guy!» Wenn man Nouhuys glaubt, war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, oder, mit seinen Worten, «wir waren von dieser Sekunde an Freunde». Einer deutschen Ausgabe stand bald nichts mehr im Wege.
Danke, wir zahlen selbst Der deutsche Playboy wurde von Beginn an ein Riesenerfolg. Der Bauer-Verlag zahlte Lizenzgelder an Hefner und sackte immer noch Millionen ein. Die besten Fotografen Deutschlands flogen auf die Malediven und die Seychellen, die den exotischen Hintergrund für die Präsentation der Playmates lieferten, die besten Graphiker und Künstler verdienten gutes Geld für Illustrationen zu Artikeln und Kurzgeschichten, die Cartoons, meist aus dem Originalheft übernommen, waren so gut wie konkurrenzlos auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt, der Kulturteil (Playboy am Abend genannt, eine Eindeutschung von Playboy After Hours), schuf eine unterhaltsam-freche Form der Berichterstattung, weit ab- und jenseits der verschnarchten Feuilletons in Tages- und Wochenzeitungen. Viele freie Autoren fanden ein Forum für witzige und ungewöhnliche Beiträge (und erhielten die höchsten Honorare im Verlagsgeschäft).
Um auch nicht den Hauch von Korruption zuzulassen, galt als oberster Grundsatz: Der Playboy ist nicht käuflich. Alle Ausgaben, Spesen und Reisekosten, die Photographen oder Autoren im Lauf Ihrer Arbeit für den Playboy hatten, übernimmt der Verlag. Die Zusammenarbeit mit den Firmen, deren Produkte im Playboy vorgestellt wurden, lief auf der Grundlage: Ins Heft kommt nur, was die Redaktion unabhängig auswählt, Product Placement war verpönt.
Erster Chefredakteur war ein alter Bekannter von Nouhuys, Quick-Mitarbeiter Raimund le Viseur, der dem Playboy lange Jahre als Autor verbunden blieb. Ob Nouhuys den Ärger mit den Bauer-Verantwortlichen satt hatte oder zur Erkenntnis gelangt war, daß die ganz große Kohle nur der Verleger einfährt — jedenfalls machte er bald seinen eigenen Laden auf (den NewMag-Verlag, mit der deutschen Lizenzausgabe des Pariser Playboy-Imitats Lui).
Ob mit oder ohne Nouhuys, der Playboy lief von alleine — bis die Hamburger Verlagsmanager immer stärkeren Einfluß auf die Redaktion nahmen. Die Chefredakteure wurden reihenweise gefeuert und neue geheuert, die, mit einer Ausnahme, offensichtlich keine Ahnung mehr von Hefners ursprünglichem Konzept hatten. Nachdem die Auflage in den achtziger Jahren auf eine halbe Million gestiegen war, fiel sie schließlich auf weniger als 170.000. Der Versuch, den Playboy den Zeitgeist-Magazinen Wiener und Tempo anzupassen, ging gründlich daneben. Überlebt hat er als einziges der drei Magazine.
Schein ohne Sein Heute sind Zweifel an der redaktionellen Unabhängigkeit des Playboy durchaus angebracht. Nur ein Beispiel (aus dem November-Heft 1999): Ein redaktioneller Beitrag über Champagner erscheint mit Photos, die ausschließlich eine bestimmte Marke zeigen. Solche Vermischung von Anzeigenteil und redaktionellem Beitrag ist inzwischen im deutschen Journalismus allgemein üblich, nicht nur beim Playboy. Daß die Verlagsmanager in dieser Hinsicht kein Problembewußtsein haben, kann nicht verwundern, sind sie doch in den meisten Fällen nie Journalisten gewesen. Aber auch viele Redakteure, vor allem jüngere, reagieren mit großem Erstaunen, wenn sie von der Forderung nach redaktioneller Unabhängigkeit hören.
Aber es geht dabei auch noch um eine weitere Frage: Die Kluft zwischen Glaubwürdigkeit und professionellem Zynismus. So wie es den Lebensstil nicht mehr gibt, der den Jazz hervorgebracht hat, so ist die Zeit auch gnadenlos über die Erscheinung des Menschen als Playboy hinweg gegangen. Es gibt ihn nicht mehr, den Playboy (von Hugh Hefner, inzwischen 73, vielleicht mal abgesehen).
Was bleibt ist schöner Schein, dem kein Sein mehr zugrunde liegt. Der Phantasie fehlt die reale Grundlage. Die Reichen dieser Welt sehen Geld heute vor allem als Medium zur Geldvermehrung, nicht mehr als Mittel für eine spielerische Existenz.
Es soll ja Leute geben, die das bedauern.
(März 2000)
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Eingestellt am 12. Februar 2009, aktualisiert zum 40. Jahrestag
Sie wussten nichts vom Ozonloch
Am 11. Februar 1969 wurde zum ersten (und letzten) Mal ein Münchner Universitätsinstitut von Studenten besetzt und zum befreiten Territorium erklärt. Eine teilnehmende Beobachtung, 40 Jahre danach.
Von Hans Pfitzinger
Es war idiotisch zu glauben, die bürgerliche Presse könne ein Mittel sein, um durch Aufklärung Voraussetzungen für eine revolutionäre Veränderung der Verhältnisse zu schaffen. Die bürgerliche Presse ist ein Instrument der herrschenden Klasse! (otto caput Nr.1 - kampfschrift der basisgruppe zw, Februar 1969)
Amerikahaus nach 13 Stunden befreit (Schlagzeile von Bild, 13. 2. 1969)
Wie es sich für ein zeitungswissenschaftliches Institut gehört, fing die Revolution mit einer Zeitung an. Genau genommen war es eine Zeitschrift, eine Nullnummer, ein Versuchsballon, dem nach erfolgreichem Flug ins Herz des Lesers eine Nummer Eins folgen sollte. Sie hatte den programmatischen Titel "otto caput Nr. 0", und ihre Verbreitung wurde unmittelbar nach Erscheinen per einstweiliger Verfügung des Landgerichts München verboten. Das Verbot hatte Dr. Otto Roegele beantragt, und die "Antragsgegner" waren zehn namentlich genannte Studenten der Zeitungswissenschaft, die ziemlich willkürlich aus dem harten Kern der Studentenvertretung, Fachschaft genannt, ausgewählt worden waren. Zwei der Namen tauchten später auf den Fahndungsplakaten auf, mit denen nach Mitgliedern der RAF gesucht wurde. Den Zehn wurde "bei Meidung einer Geldstrafe in unbeschränkter Höhe oder Haftstrafe bis zu sechs Monaten verboten, eine Neuauflage der hektographierten Zeitschrift 'otto caput' Nr. 0 herzustellen". Außerdem wurde den Studenten verboten, "den Namen des Antragstellers oder des Instituts für Zeitungswissenschaften, sowie die Namen seiner Assistenten im Zusammenhang mit pornographischen schriftlichen Äußerungen oder Darstellungen sowie anderen beleidigenden Äußerungen über die Tätigkeit des Antragstellers in Bezug auf sein Lehramt in der Öffentlichkeit sowie über seine private Sphäre zu nennen und diese Äußerungen zu verbreiten". Puh! Der Streitwert wurde auf 10.000 Mark festgelegt. Die Entscheidung trägt das Datum des 26. November 1968. Das Landgericht gab das Signal zum Aufbruch: Die Freiheit der Presse war bedroht von der kapitalistischen Staatsmacht. Die Vertreter der etablierten Herrschaft am Institut waren zu viert (eigentlich zu fünft, aber einer von ihnen hatte seine eigenen menschlichen Prinzipien und benützte seinen Kopf nicht für politische Machtspiele wie der Chef und die anderen drei Assistenten). Der Professor, Otto B. Roegele, war sogar außerhalb von Uni und Institut bekannt. Seit 1963 gab er den "Rheinischen Merkur" heraus, eine ganz entschieden konservative Wochenzeitung, war Dozent für die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU, ein ganz entschieden konservativer Verein, und durfte im ZDF aus Gründen der Ausgewogenheit schon mal ganz entschieden konservative Kommentare nach den Nachrichten verlesen. Typ: so charismatisch wie eine graue Maus. Im Dezember 1967 hatte er in einem Rundfunkinterview geäußert: "Die Arbeit mit den Studenten hält jung, sie sorgt für immer neue Überraschungen, zwingt zur Selbstkritik und verzögert vielleicht sogar den Prozess des Alt- und Starrwerdens." Otto Roegele starb im September 2005 kurz nach seinem 85. Geburtstag. Sein Kampfhund Nummer eins in den Tagen vor und während der Besetzung war Peter Glotz. Der war knapp dreißig damals und von politischem und universitärem Ehrgeiz gebeutelt. Er saß als Vertreter der wissenschaftlichen Assistenten im akademischen Senat, hatte im Vorjahr seinen Doktor gebaut ("Buchkritik in deutschen Zeitungen") und mit dem anderen SPD-Mann am Institut, Wolfgang Langenbucher, zwei Bücher verfasst, die zu lesen einem als Studenten dringend geraten schien - Themen daraus kamen in den Prüfungen vor. 1984 folgte Langenbucher dem Ruf auf das Ordinariat für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an die Universität Wien. Im Oktober 2006 trat er in den Ruhestand. Am 24. April 2008 feierte er seinen 70. Geburtstag, angeblich schreibt er gerade an einem Buch. Während der Aktionswochen und bei der Besetzung hatten Glotz und Langenbucher offenbar einen zähneknirschenden Spaß an der verbalen Auseinandersetzung. Sie rieben sich gern mit den rhetorisch flinken unter den Studenten. Wahrscheinlich übte Glotz schon für künftige Auftritte. Die SPD hatte ihn gerade als Bundestagskandidat für den Wahlkreis Fürstenfeldbruck aufgestellt. Er war der letzte Vertreter der Institutsmacht in jener Nacht, er hielt die Stellung, verteidigte seine Welt der Wissenschaft, das Hausrecht und die Universität, die ihn so erfolgreich gemacht hatte. Erst spät warf er das Handtuch, als die verbliebenen Besetzer sich fast einstimmig weigerten, dem Räumungsbefehl nachzukommen. Er verschwand, kurz bevor die Bullen kamen - wenn die SPD ncht mehr hilft, muss halt Polizeigewalt her. Viele Jahre später wurde Peter Glotz Gründungsrektor einer Universität in den ostdeutschen Kolonien. Zuletzt hatte er eine von der Bertelsmann-Stiftung gesponserte Professur in St. Gallen. Er starb mit 66 Jahren am 25. August 2005. Der dritte Assistent hielt sich bei der eigentlichen Besetzung völlig heraus - die Drecksarbeit überlässt man der SPD. Hans Wagner war das trojanische Pferd des Erzbistums im Institut, so klerikal-konservativ und CSU-nah, dass ihn nicht einmal Roegele ernst zu nehmen schien. Nach zehn Jahren Studium hatte Johann Vinzenz Wagner 1965 einen Doktor in Zeitungswissenschaft erworben und war Universitätsassistent geworden. Die zwanzig Semester vorher studierte er Theologie, Zahnmedizin, Philosophie und Psychologie. Hans Wagner sollte sich später noch ganz entschieden im rechtskonservativen Spektrum profilieren. 1969 sagte er den schönen Satz: "Mir ist es gleich, ob die Leute aus meinem Proseminar den Völkischen Beobachter oder Bild schreiben." Seine Lehrauffassung wird aus einem anderen Spruch deutlich: "Hier rede ich und sonst niemand, und wenn Sie weiterhin so dumm reden, werfe ich Sie raus." Mit einer solchen Haltung nimmt es nicht Wunder, dass Wagner später als Professor an der Münchner Uni arbeitete, auch wenn die Zeitungs- in Kommunikationswissenschaft umbenannt wurde. Im April 2002 ging er in den wohlverdienten Ruhestand. Das Institut ist vor ein paar Jahren umgezogen, wieder an einen sehr symbolischen Platz: in den Englischen Garten, in das Gebäude, in dem früher der CIA-Sender Radio Free Europe untergebracht war. Davor war es einige Zeit in der Schellingstraße zur Miete, zwischen einem Begräbnisinstitut und der Redaktion der Bild-Zeitung. Und dann gab's noch den schon erwähnten fünften Mann: Heinz Starkulla, der einzige unter den Hochschullehrern, der von den Studenten allgemein respektiert wurde. Starkulla war mal zwei Jahre Gastprofessor in Cincinnati/Ohio gewesen und strahlte etwas liebenswürdig Weltoffenes aus, das mit Lässigkeit und Humor einherging. Er hatte keinen Aufstiegsehrgeiz mehr in der Uni-Hierarchie, war etwa so alt wie Roegele, also 20 Jahre älter als die anderen Assis, aber ohne Lehrstuhl, und er musste sich und anderen nichts mehr beweisen. Er war ein kluger, feiner Mensch, und das wussten sogar die Radikalen, die auf die Besetzung hingearbeitet hatten: "Auch für Mitglieder der Basisgruppe ist es nicht ehrenrührig, Starkulla sympathisch zu finden", stand in "otto caput nr.1". Er lehrte fast 40 Jahre am Institut. Heinz Starkulla ist im November 2005 mit 84 Jahren gestorben. Er war der Dritte im Jahr 2005, nach Glotz und Roegele.
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Einige Studenten setzten gerade graue Theorie in bunte Praxis um, just an jenem 26. 11. 1968, als das Gericht seine einstweilige Verfügung gegen "otto caput Nr. 0" verkündete. Vom Richterspruch wussten die Studenten noch nichts, als sie, Mao Tse-Tung ließ grüßen, Wandzeitungen auf dem Flur des zweiten Stocks im Münchner Amerikahaus anbrachten, wo das Institut für Zeitungswissenschaft zur Miete residierte. Das war auch schon sehr symbolisch. (Zu jener Zeit kam es vielen Leuten so vor, als ob die ganze Bundesrepublik bei den Amerikanern zur Miete wohnte.) Jedes Stockwerk hat im Boden des Flurs ein großes rundes Loch, vielleicht acht Meter im Durchmesser, drum herum ein Geländer aus dünnen Stahlstreben. So hat man einen guten Blick auf die Eingangshalle im Erdgeschoss. Von dort unten konnte man auch teilweise sehen, was auf dem Flur im zweiten Stock ablief. Im "otto-kaputt-Extrablatt" lasen sich die Ereignisse des frühen Nachmittags so: "Auf der letzten Vollversammlung trat Herr Langenbucher unter anderem mit seinen Angriffen auf das ungenügende Informationsangebot der Fachschaftsvertretung hervor. So entschlossen sich einige ZW-ler spontan zu einer Aktion, die 1. verschiedene Problematiken aufzeigen soll, 2. das Informationsniveau angleichen und 3. Spaß machen soll. Man traf sich also am 26. 11. mittags im Institut, war frohen Mutes und fertigte einige Wandzeitungen an. Auf der ersten, der allgemein begründenden, stand zu lesen: 'Schafft die permanente Diskussion! Diese Wandzeitungsaktion soll einen ersten Versuch darstellen, die autoritär strukturierte Kommunikation am Institut zu durchbrechen.'" Und so weiter. Ein Fremdwort folgte dem nächsten, Substantive wurden eingesetzt wie Maschinengewehrsalven. Man schrieb fleißig DIN-A2-Plakate aus Packpapier voll, und nach drei Stunden prangte die ganze hintere Wand im Schmuck selbsthergestellter Wandzeitungen. Vorbildlich, diese Studenten, die roten Garden hätte ihre helle Freude gehabt. Auch die Erstsemester, die um 15 Uhr zum Seminar des Herrn Langenbucher ankamen, amüsierten sich köstlich. Jener hatte aber zusammen mit dem zweiten Assi, Herrn Glotz, beschlossen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Sie holten sich Rückendeckung beim Hausherrn, dem Vermieter - der US-Regierung, vertreten durch Mr. Peters, den Direktor des Amerikahauses. "Otto-kaputt-Extrablatt": "Gegen 15 Uhr 25, als das Langenbucher-Seminar immer noch nicht begonnen hatte, gab Glotz eine offizielle Erklärung ab, die inhaltlich folgendermaßen lautete: Die Direktion des Amerikahauses habe an den Wandzeitungen Anstoß genommen und erklärt, dass diese Aktion den Mietvertrag verletzt und droht mit Kündigung, falls nicht sofort der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werde." Natürlich glaubte ihm keiner, weshalb eine Delegation zum Direktor Peters geschickt wurde. Der bestätigte die Glotz-Erklärung. Hah, das war eine Meldung für die Presse! Jemand rief bei der Abendzeitung an und verkündete anschließend, die würden gleich zwei Journalisten vorbeischicken. Auch der Lokalreporter Christian Ude von der Süddeutschen hätte sein Interesse geäußert. "Angesichts der möglichen Publizität des Konflikts waren sich Glotz und Peters nicht mehr so sicher. Kurz darauf gab Glotz den Versammelten bekannt, dass Peters nach Rücksprache mit dem Generalkonsul keine Bedenken mehr gegen die Aktion habe, und unter diesen Umständen habe er, Glotz, auch nichts mehr dagegen." Zu spät. Die Eskalation war nicht mehr aufzuhalten. Auf einem Flugblatt wurde zur täglichen Vollversammlung um 13 Uhr aufgerufen. Da sollte über drei Fragen diskutiert werden: "1. Ist es möglich, dass ein Universitätsinstitut in seinem Inhalt bestimmt wird durch eine außeruniversitäre Institution wie das Amerikahaus? 2. Was für ein Wissenschaftsverständnis haben wissenschaftliche Assistenten, die das widerstandslos hinnehmen? Sollten sie es gar aus Mietverträgen ableiten? 3. Was birgt dieser Mietvertrag sonst noch für Überraschungen? Hat Peters das nächste Semesterprogramm bereits genehmigt? Wir fordern die Veröffentlichung des Mietvertrages!" Das Impressum des Flugblatts lautete: "Eigendruck des Instituts für Beschäftigungstherapie, München, Karolinenplatz im Amerikahaus." Es wurde also beschlossen, den Lehrbetrieb am Institut selbst in die Hand zu nehmen. Das bedeutete, dass in allen Vorlesungen und Seminaren plötzlich eine Handvoll Studenten eine Diskussion über Themen wie "Wissenschaftsverständnis" und "Machtfrage am Institut" forderten und durchsetzten. Der vorläufige Höhepunkt war dann die "Sprengung" der Hauptvorlesung: Wolf Schimmang, der Fachschaftssprecher, stand am Rednerpult, der Professor musste sich erst mal in die erste Reihe setzen, wo sein Gastredner und die Assistenten Platz genommen hatten, und still schweigen. Wolf redete klug und wohlformuliert wie immer, dann meldeten sich die Horrorzwillinge, die eine Resolution verlasen, "in der sie Roegele als Schande für die Münchner Universität bezeichneten, falls er nicht bereit sei, über sein Wissenschaftsverständnis zu diskutieren" ("otto caput nr.1"). Dann redete Ho-Chi Koch, ein glänzender Rhetoriker, der eigentlich Horst-Dieter hieß, aber Ho-Chi genannt wurde, weil er einen Bart wie Ho Chi Minh hatte, nur dichter. Heute ist er Geschäftsführer des Instituts für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen. Dann redeten andere, und die Vorlesung ging munter weiter, die Zeit verging wie im Fluge. Roegele riss endlich der Geduldsfaden, und er forderte die Diskussionsteilnehmer zum Verlassen des Hörsaals auf. Das tat er drei Mal, und als er keine Wirkung erzielte, ging er selbst. Am nächsten Tag sagte er alle weiteren Vorlesungen für den Rest des Semesters ab. Das geschah am 16. Januar 1969.
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Ja, die Dinge waren in Gang gekommen. Und nicht vergessen wurde des dritten Punktes bei der Begründung für die Wandzeitungsaktion: Es sollte Spaß machen. Die Besetzung des Instituts, nicht einmal vier Wochen später, folgte nach dem Beschluss der Erstsemester, ihre Seminarprüfung zu boykottieren. Es ging darum, sich der "Leistungsideologie" zu verweigern. Und Klausuren schreiben, bei denen Typen wie Wagner und Langenbucher bestimmen sollten, was gefragt und wie es bewertet wird, das machte entschieden keinen Spaß. Ich wusste nach dem Proseminar noch immer nicht, was "kognitive Dissonanz" war, und wenn irgendeine Prüfung platzte, sollte mir das schon recht sein. Viel vergnüglicher war es doch, statt dessen mit den beiden Assistenten über Sinn und Unsinn wissenschaftlicher Prüfungen zu diskutieren. Darüber wurde abgestimmt: Dafür stimmten 69 Studenten aus den beiden Proseminaren, dagegen elf. Zum ersten Termin bei Wagner am Freitag, dem 7. Februar, 9:00, kamen außer den Prüflingen noch gut hundert andere Studenten, nicht alle vom Institut. Einige kamen von der noch ziemlich neuen Hochschule für Film und Fernsehen, die damals auch von Roegele geleitet wurde. Jeder Seminarteilnehmer füllte einen Prüfungsschein aus mit der Note "befriedigend". Die "Scheine werden eingesammelt", so ein zeitgenössisches Flugblatt, "und den Assistenten mit der Auflage überreicht, sie bis 11. 2., 10 Uhr unterschrieben und gestempelt zurückzugeben". Für diesen Termin vier Tage später wurde an der ganzen Uni und der Filmhochschule per Flugblatt geworben. Herstellung von Öffentlichkeit hieß das. Natürlich wurden die Prüfungsscheine an diesem Tag nicht unterschrieben herausgegeben. Beide Assistenten, Wagner und Langenbucher, weigerten sich. Den Beginn der Besetzung beschreibt "otto caput nr.1 - Kampfschrift der Basisgruppe ZW": "Nach einer weiteren Diskussion mit der Institutsleitung, deren formale und irrationale Argumentation noch einmal bloßgelegt wurde, beschlossen die Studenten die Befreiung des Instituts. Wir benannten das Institut in 'Bahman-Nirumand-Institut' um und erklärten es zum ersten befreiten Institut der Universität München." Wer hinter diesem Namen steckte, wussten auch damals nur wenige, weshalb erklärt wurde: "Der Publizist und Schriftsteller Bahman Nirumand soll aus der BRD ausgewiesen werden; in seinem Heimatland Persien erwartet ihn wegen seiner politischen Betätigung die Todesstrafe. Somit war die Umbenennung des Instituts ein Symbol der Solidarität der studentischen Opposition mit den Gegnern des Schah-Regimes, das, durch US-Militärhilfe und CIA gestärkt, seine faschistische Terrorpolitik betreibt, unterstützt auch durch unseren Staatsapparat." Nirumand hatte ein viel beachtetes Buch in der Reihe rororo aktuell veröffentlicht: "Persien - Modell eines Entwicklungslandes". Somit war klar, worum es ging: Global denken, lokal handeln - auch wenn dieser Spruch erst Jahre später auftauchte. Der Ort der Revolte, im zweiten Stock des Amerikahauses, hätte gar nicht besser gewählt werden können. Die Presse wurde informiert, Lebensmittel und Schlafgelegenheiten wurden organisiert, und man machte das, was bei allgemeiner Ratlosigkeit immer noch die beste Therapie darstellt: Man gründete Arbeitskreise, die in sämtlichen Räumen des Instituts permanent tagten. Auch im Professorenzimmer, wo inzwischen alle Aktenschränke aufgebrochen waren und offen standen. Um 20 Uhr gab es eine Vollversammlung, die beschloss, "die begonnene Arbeit fortzusetzen", das heißt, über Nacht im Institut zu bleiben. An diesem Arbeitseifer wurde später in "otto caput nr.1" auch Kritik geübt: "Sie unterstellten sich unbewusst dem gleichen unreflektierten Leistungsanspruch, dem sie auch sonst im Institut unterworfen sind. Auf Aktionen von Studenten, die nicht in Arbeitsgruppen organisiert waren, reagierten sie irrational, hysterisch und autoritär, indem sie diese Aktionen als Störungen abqualifizierten (z. B. Herausreißen von Telefonkabeln, Hinauswerfen von Johnson- und Kennedybildern, Bemalen von Wänden)." Inzwischen sah es schon recht schräg aus, das Institut, von innen, wo die Wände mit Plakaten, Graffiti und Wandsprüchen bedeckt waren, aber auch von außen. Das kann man auf einem Foto sehen. An einem Fenster im zweiten Stock stand der Name des befreiten Instituts, daneben hing eine Vietcong-Fahne und ein Spruchband: Erstes BEFREITES Institut der Universität München. Bärtige Typen mit langen Haaren hingen in den Fenstern, unten stand ein Student und winkte fröhlich mit einem kleinen Ami-Fähnchen. Das sah alles recht gut aus, weil zwischen Erdgeschoss und erstem Stock das ovale Schild mit der großen Aufschrift AMERIKAHAUS hing. Und zwei schräg nach oben gerichtete Fahnenstangen. Ohne Fahnen. Den Kommentator des Münchner Merkur vom 13. Februar darf man sich beim Schreiben getrost mit Schaum vor dem Mund vorstellen: "Wie weiland von SA und SS wurden Türen und Schränke aufgebrochen und Räume verwüstet und beschmutzt, so dass die Lokalitäten hernach, man gestatte den kräftigen Ausdruck, wie Schweineställe aussahen."
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Das Ende der Aktion kam für mich am Morgen des 12. Februar 1969. Da wurde ich gegen fünf Uhr in die nassen Schneeschauer von München entlassen. "Entlassen", richtig, nach drei Stunden im Polizeigefängnis an der Ettstraße. Ich hatte Glück gehabt - fester Wohnsitz, Ersttäter, keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr, denn das Delikt war klar: Hausfriedensbruch. Ich trat durch die große Toreinfahrt des Polizeipräsidiums, knöpfte meine Jacke zu und stemmte mich gegen das Sauwetter. Es passte, haargenau. Nach all den Kollektivaktionen, nach dem Zirkus in der Zelle, stand ich so allein vor den Scherben der Studentenrevolte, wie man nur allein stehen kann. Während ich durch den Schneematsch hinüber zum Karolinenplatz stapfte, um den senfgrünen Fiat 500 abzuholen, den ich damals fuhr, gingen mir die letzten Tage und Stunden durch den Kopf - die Zuspitzung der Lage kurz vor dem Prüfungstermin, die Auseinandersetzungen mit den Assistenten, Peter Glotz profilierungssüchtig an der Spitze, und die "Genossen", die unvermittelt gestern Morgen aufgetaucht waren, als klar wurde, dass die Vollversammlung sich für unbefristete Besetzung aussprechen würde. Plötzlich waren sie da, verteilten Matratzen im Seminarraum, installierten einen Plattenspieler und ließen die Rolling Stones "Sympathy for the Devil" dröhnen - "wir müssen die neue Gesellschaft schon im Kampf gegen die alte vorwegnehmen" - und zur neuen Gesellschaft gehörten die Stones, keine Frage. Während nebenan im großen Saal pausenlos diskutiert wurde, zogen aus dem Seminarraum die Hanfdämpfe auf den Flur - ganz wie es sich für befreites Gebiet gehörte. Drüben im Sekretariat hielt Frau Bussmann, die Sekretärin, die Stellung im Vorzimmer von Otto "Kaputt" Roegele und mokierte sich darüber, jetzt befreit zu sein. Ihr Chef hatte sich schon gegen 13 Uhr verdrückt, war dann noch ein paar Mal sinnierend um den Karolinenplatz gelaufen und verschwunden. Irgendjemand hatte die Telefonleitung aus der Wand gerissen - ausgesprochen kontraproduktive Destruktion, denn wie sollte die Presse unterrichtet werden, wenn die notwendigsten Kommunikationsmittel zerstört waren? Bis zum Nachmittag musste aus der Zelle vor dem Haus telefoniert werden, dann schaffte es ein Mechanikerlehrling ("Ich bin kein Kommilitone, du kannst mich ruhig Genosse nennen"), die Strippen wieder einzuziehen. Die Besetzung bestand hauptsächlich aus Teach-ins, reden, reden, reden, Selbstdarstellung durch reden und Wandzeitungen. Später wurde dann direkt auf die Wand gemalt. Das war Sachbeschädigung. Rolf Heißler, dem Jahre danach bei seiner Verhaftung eine Polizistenkugel in den Kopf schlug, pinselte in Ölfarbe, Schwarz auf Marmor: "Seid realistisch, verlangt das Unmögliche." Rolf sah aus wie Che Guevara mit zu wenig Tortillas. Später hat er sich der RAF angeschlossen, und verübte im April 1971 einen Banküberfall, für den er 1972 zu einer sechsjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Beim Online-Lexikon Wikipedia sieht seine weitere Biographie so aus: „Gemeinsam mit Mitgliedern der Bewegung 2. Juni wurde Rolf Heißler durch die Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz freigepresst und am 2. März 1975 nach Aden im Jemen ausgeflogen. Im Oktober 1976 kehrte er unerkannt in die Bundesrepublik zurück, obwohl er steckbrieflich gesucht wurde, und wandte sich erneut der RAF zu. Am 1. November 1978 erschoss er zusammen mit Adelheid Schulz zwei niederländische Zollbeamte bei einer Passkontrolle auf der Nieuwestraat in Kerkrade und verletzte zwei weitere Zöllner schwer. Bei seiner Festnahme am 9. Juni 1979 in Frankfurt am Main wurde Rolf Heißler durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Am 10. November 1982 wurde er aufgrund der Tötung der niederländischen Zollbeamten zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Am 25. Oktober 2001 wurde Rolf Heißler mit Beschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf aus der JVA Frankenthal auf Bewährung entlassen.“ Bleibt noch anzufügen: Im Juni 2008 wurde er sechzig Jahre alt. Sein Spruch „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche“ stand 1969 noch Monate nach der Besetzung an der Wand, als der Institutsalltag längst wieder Einzug ins Amerikahaus gehalten hatte. Ich hielt mich dran und legte zwei Jahre danach tatsächlich im gleichen Institut die Prüfung ab, was ich an jenem Tag bestimmt für unmöglich gehalten hätte. Und Otto caput gehörte zu den humansten Professoren, die ich dabei kennen lernte. Doch die Prüfung abzulegen, das war schon der nachrevolutionäre Subjektivismus, Ausdruck des Zerfalls, der Zerschlagung der Revolte, für mich auch die einzige Möglichkeit, aus den Hanfdämpfen der Enttäuschung noch einmal aufzutauchen, das Studium abzuschließen und ein Stipendium im Ausland zu beantragen. Nichts wie raus! Doch erst einmal kam ich rein. Die peinlichste Episode für mich passierte irgendwann nach Mitternacht. Im großen Seminarraum hielt sich immer noch der harte Kern auf, vielleicht sechzig Leute. Zu der Zeit ging es darum, ob man das Ultimatum des Rektors berücksichtigen sollte - entweder Räumung bis zwei Uhr oder die Polizei wird räumen. Die Horror-Zwillinge, so genannt, weil sie immer zu zweit auftauchten, identische Meinungen vertraten, endlos redeten und saufrech waren, laberten wieder bis zum Überdruss. In späteren Jahren dachte ich oft: Wenn es Polizeispitzel gegeben hat, dann einer von ihnen oder alle beide. Sie wiederholten immer die gleiche Leier: Nur nicht aufgeben, man muss es dem System zeigen, wir bleiben alle da, Solidarität ist gefragt, nur wenn wir Zeichen setzen und uns notfalls auch verhaften lassen, können wir Wirkung erwarten. Dann würden die anderen Institute auch besetzt werden, die anderen Fachschaften sich solidarisieren, die Revolte übergreifen, die Revolution gefördert werden und so fort. Während einer der beiden Einpeitscher, ein Unsympath erster Güteklasse, die seit Stunden bekannten Argumente vorbrachte, erschien der Kanzler der Universität im Türrahmen. Der Kanzler war sowas wie der oberste Verwaltungsbeamte, Vollzugsorgan des (gewählten) Rektors, ausführender Handlanger der politischen Führung, ein kleiner, untersetzter Brillenträger, der ganz aufgeregt und mit rotem Kopf schon am Nachmittag auf die Unrechtmäßigkeit unseres Tuns hingewiesen hatte. Jetzt hatten sie ihn noch einmal vorgeschickt, um den Beschluss der Uni-Oberen zu verkünden. Doch der Horrorzwilling dachte gar nicht daran, mit reden aufzuhören. Schwitzend, im Wintermantel, den Hut in der Hand, stand der Kanzler da und versuchte, sich Gehör zu verschaffen. Ich konnte meine Neugier nicht länger unterdrücken, wollte unbedingt wissen, wie es weitergehen würde - hatte die Universität eingelenkt, oder wollten sie nur ein letztes Mal verkünden, dass die Polizei abräumen würde? Ungeduldig herrschte ich den Horrorzwilling an: "Halt jetzt endlich dein Maul und lass den Kanzler reden." Es folgte Totenstille. Der Zwilling fasste sich ganz schnell und ignorierte mich einfach. Bevor mir noch klar wurde, was ich da gesagt hatte, tauchte Wolf neben mir auf, der gleiche Wolf, den ich vom Politikinstitut kannte, weil er auch in Hedda Herwigs Seminar über Platons Höhlengleichnis saß. "Das nenne ich revolutionär," zischte er mir zu. "Nur weil so eine aufgeblasene Autoritätsfigur auftaucht, soll einer das Maul halten ..." Ich bekam einen knallroten Kopf. Er hatte ja so recht, auch wenn mein Motiv Neugier war und nicht so sehr Respekt vor der Amtsperson - mein Einwurf war ganz schön daneben. Ich verdrückte mich in den Hintergrund des Saales. Mein Entschluss, bis zum Ende dabei zu bleiben, stand von da an fest, ich musste ja meine revolutionäre Gesinnung unter Beweis stellen, ich hatte in einem entscheidenden Punkt versagt, so viel war klar. Und ausgerechnet Wolf, den ich so bewunderte, rieb es mir unter die Nase.
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Sie fuhren gegen drei Uhr morgens vor, eine Hundertschaft, vielleicht auch eineinhalb. Wir beobachteten vom Fenster aus, wie sie sich vor dem Haus aufstellten, zackige Befehle bekamen, und den Eingang stürmten. Das Institut lag im zweiten Stock, der Rest gehörte den Amis, und wir achteten strikt darauf, uns als Besetzer nicht mit den Besatzern anzulegen. Doch der Polizei gingen die Unterschiede nicht so deutlich auf. Sie keuchten hoch bis unters Dach, und kamen dann geballt von oben und unten - zwei Polizisten pro Besetzer. Wir hatten uns im Flur auf dem Boden niedergelassen, passiver Widerstand, und skandierten "Bullen raus aus unserem Haus", was zwar nichts nützte, aber unsere Angst etwas verscheuchte. Je zwei Staatsdiener nahmen einen Rebellen unter den Armen und geleiteten ihn zur grünen Minna. Die Frauen hatten sich darauf geeinigt, sich nur von Polizistinnen verhaften zu lassen, was aber auch nichts nützte, denn es gab keine. So kam es doch noch zu Gerangel, aber da zerrten dann plötzlich vier Mann an einer Frau, und sie hatte keine Chance. Brigitte Mohnhaupt schrie am lautesten. 13 Jahre später wurde sie zum Staatsfeind Nummer eins, zwei oder drei erklärt und in Stammheim verurteilt. So ziemlich alle Aktionen der RAF im Jahr 1977 wurden ihr zur Last gelegt. Wikipedia schreibt über sie: „Nach ihrer Verhaftung 1982 wurde sie wegen neunfachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs zu fünfmal lebenslanger Freiheitsstrafe und zusätzlich 15 Jahren verurteilt. Nach Verbüßung der gerichtlich festgelegten 24 Jahre Mindesthaftzeit wurde sie am 25. März 2007 auf Bewährung entlassen.“ In der Ettstraße saß Brigitte im Februar 1969 mit Kathrin und Inga und fünf weiteren Frauen in einer eigenen Zelle, die 35 Männer in einer anderen. Dort übernahm Fritz Teufel in der allgemeinen Schläfrigkeit die revolutionäre Initiative und zündete eine Wolldecke an, konnte aber überzeugt werden, dass wir ersticken würden, bevor sie uns frei lassen, weshalb einer den Schwelbrand mit Wasser aus dem einzigen Wasserhahn löschte. Ich war hundemüde, den ganzen Tag geredet und hin und her gerannt, oft nach der Devise "Bist du in Gefahr und Zweifel, renn im Kreis, schrei wie der Teufel", was sich diesmal nicht auf den Fritz bezieht, der ja eher ein stiller Typ war, schon damals, und als ich drankam mit Fingerabdrücken, Fahndungsfoto und Schriftprobe, schrieb ich: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern. Karl Marx", und ich war sehr stolz darauf, dem gleichfalls übernächtigten Beamten damit doch eine gewisse Begründung für unsere "Straftat" geliefert zu haben, und mutig kam ich mir auch vor. Doch entlassen wurde ich, als einer der ersten, nicht aus philosophischen Gründen, sondern weil Wohnsitz und polizeiliche Anmeldung leicht zu überprüfen waren. Ich setzte mich in den eiskalten Fiat, er sprang wie immer erst nach langem Orgeln an, und fuhr nach Hause, irgendwie doch stolz darauf, endlich die revolutionäre Mindesttat vollbracht zu haben und aus politischen Gründen verhaftet worden zu sein. Ich stellte mir Monas Gesicht vor, wenn ich ihr sagte, dass ich aus dem Gefängnis komme. Sie hatte ja immer eine Schwäche für harte Männer, und heute kam ich mir schon ziemlich kernig vor, verwegen, furchtlos der Staatsmacht trotzend - wir würden schon noch rütteln an den Stäben der "repressiven Toleranz", wie Herbert Marcuse die moderne Form der Diktatur beschrieben hatte. Ich parkte das Auto vor der Wohnung in der Schleißheimerstraße, sperrte es ab und die Haustür auf und ging die eine Treppe zu Fuß hoch. Die Wohnungstür war verschlossen. Seltsam. Ich drehte den Schlüssel im Schloss, schob die Tür auf, knipste das Licht an im Flur. Das große Zimmer badete in bleigrauem Morgendämmer, draußen hatten die Schneeschauer gerade Pause. Mona lag nicht im Bett. Sie kam am späten Vormittag, als ich noch erschöpft schlief. Es war das erste Mal in unserem Eheleben, dass sie die Nacht mit einem anderen Mann verbracht hatte. Das Verfahren wegen Hausfriedensbruch gegen mich wurde eingestellt. Bei Wolf Schimmang kam es zur Verhandlung. Ich ging als Zuhörer hin, und der Vorsitzende Richter unterbrach das Verfahren und verbot mir, Notizen in mein Oktavheft zu schreiben. Neben mir auf den Zuhörerbänken saßen zwei Zivilbullen, die ebenfalls eifrig mitschrieben. Das störte den Richter nicht. Die Bullen grinsten schadenfroh. Am 11. April des nächsten Jahres, 1970, fuhr ich, zusammen mit Mona, in einem Greyhound-Bus zwischen New Orleans und El Paso, als ein Mitfahrer seine Zeitung mit der Schlagzeile aufschlug: "McCartney Leaves Beatles." Zwei Jahre später habe ich Deutschland in Richtung Andalusien verlassen. Mit dem Renault 4. Und mit Mona. Von dort aus flog ich alleine weiter nach Kalifornien. Für immer, hatte ich mir damals vorgenommen.
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